Automatische Reiseerfassung: BLS, Postauto und SBB wollen gemeinsam den Zugang zum öV vereinfachen

1
286

Künftig sollen die Kunden im öffentlichen Verkehr über die ganze Reisekette und für die Bezahlung und Abrechnung einen einfachen Zugang haben. Die BLS, Postauto und die SBB wollen zusammen die technologische Grundlage für einen gemeinsamen öV-Standard schaffen. Im Herbst soll dazu ein Pilotversuch starten. Die drei Partner haben eine entsprechende Absichtserklärung unterzeichnet.

In der Schweiz befassen sich derzeit mehrere Unternehmen mit der Weiterentwicklung neuer, mobiler Verkaufs- und Vertriebskanäle im öffentlichen Verkehr mit dem Ziel, den Kunden den Zugang zum öffentlichen Verkehr zu vereinfachen. Vor diesem Hintergrund haben die BLS, Postauto und die SBB im Rahmen einer Absichtserklärung beschlossen, gemeinsam mögliche Zukunftslösungen einer automatischen Reiseerfassung und nachträglicher Abrechnung ausgehend von bestehenden Lösungen weiter zu entwickeln. Die Partner bekräftigen zudem die Absicht, zusammen eine konzeptionelle und technologische Grundlage für einen gemeinsamen Standard für den öV Schweiz zu schaffen. Damit wäre die Basis gelegt, um den Zugang zum System öV Schweiz für die Kunden deutlich zu vereinfachen.

Nach Ansicht der drei Partner soll der öV-Standard auf der Logik basieren „einfach einsteigen – beliebig fahren – einfach aussteigen“ und eine einfache Bezahlung nach der Reise ermöglichen. Mit der Lancierung des Swiss Pass im August 2015 hat die öV-Branche bereits einen einheitlichen Kontrollstandard geschaffen, auf dem zukünftige Ausbauschritte abgestützt werden. In der Entwicklung eines möglichen elektronischen Zugangssystems für die gesamte Branche wird der Swiss Pass eine zentrale Rolle spielen.

Von der Branche – für die Branche
In einem ersten Schritt wollen die BLS, Postauto und die SBB die aktuellen technischen Lösungen der beteiligten Parteien wie Lezzgo der BLS und „Cibo Postauto“ sowie allenfalls weitere Lösungen weiter entwickeln und im Rahmen eines Pilotversuchs für interessierte Kunden am Markt testen. Dabei ist der Datenschutz gewährleistet und die Kunden haben stets die Möglichkeit, auch ohne elektronische Reiseerfassung zu reisen. Der Pilotversuch wird voraussichtlich im Herbst dieses Jahres hauptsächlich im Regionalverkehr und auf ausgewählten Strecken des Fernverkehrs durchgeführt. Ein Entscheid, ob das Projekt des elektronischen Zugangssystems auf dieser Basis weiterverfolgt wird, fällen die Partner nach Abschluss des Pilotversuchs.

Die beteiligten Partner sind der Ansicht, dass mit einem flexiblen Kooperationsmodell, an welchem sich auch weitere Transportunternehmen des öV oder Verbünde beteiligen können, eine praxistaugliche Lösung von der Branche und für die Branche entwickelt werden kann. So wollen die BLS, Postauto und die SBB den Informationsaustausch pflegen und Kooperationsgespräche mit anderen Transportunternehmen oder Verbünden gemeinsam oder in gegenseitiger Absprache durchführen.

Elektronische Ticketlösung – Pilotprojekte von BLS und Postauto
  • Lezzgo-App der BLS
    Einchecken, einsteigen und losfahren – ohne Tarifkenntnisse. Die Fahrgäste checken zu Beginn der Reise auf der App Lezzgo mit einem einzigen „Wischen“ ein, können beliebig umsteigen und checken am Ende ihrer Reise aus. Die von der BLS entwickelte App stellt den Fahrgästen automatisch digitale Tickets für sämtliche benutzte Strecken bzw. Verkehrsmittel innerhalb des Libero-Tarifverbunds (Bern, Biel, Solothurn) aus und verrechnet anschliessend die zurückgelegten Fahrten zum besten Preis. Dazu hinterlegen die Nutzer ihre Kreditkartenangaben. Angesprochen werden in erster Linie Gelegenheitsfahrer, also Fahrgäste, die weder ein Generalabonnement (GA) noch ein Verbund-Abo besitzen. Derzeit kann im Libero-Gebiet eine Beta-Version der App genutzt werden. Das System basiert auf der GPS-Technologie und benötigt keine Investitionen in den Fahrzeugen.
  • Cibo von Postauto
    Jetzt fahren – später bezahlen: Postauto testet mit Cibo eine neue, elektronische Ticketlösung. Die Fahrgäste brauchen dafür nur ein Smartphone mit der Cibo-App und müssen sich einmalig registrieren. Beim Einsteigen checken die Kunden mittels Click auf der App selbst ein (Check-In). Beim Aussteigen merkt das System automatisch, dass die Fahrt unterbrochen wird und registriert dies (Be-Out). Der Fahrgast braucht sich nicht mehr darum zu kümmern. Damit entfällt die Möglichkeit, dass Fahrgäste beim Aussteigen vergessen, das Ende der Fahrt auf ihrem Handy zu registrieren. Am Ende des Monats erhalten die Fahrgäste eine Rechnung, auf der für die zurückgelegten Fahrten der beste Preis verrechnet wurde. Postauto testet Cibo derzeit im Stadtnetz von Sitten und auf der Überlandstrecke von Sitten nach Martigny. Derzeit funktioniert das System dank dem WIFI im Postauto, es sind aber auch andere technische Installationen in den Fahrzeugen möglich.
Pro Bahn: Gemeinsam statt einsam
SBB, BLS und Postauto wollen den Zugang zum öV vereinfachen, indem die entsprechenden Systeme koordiniert entwickelt werden. Bisher war genau das Gegenteil der Fall: Verschiedene öffentlichen Verkehrsunternehmungen sind daran, teilweise mit Partnern, ihre eigenen elektronischen Billetsysteme zu entwickeln. Pro Bahn Schweiz, die Interessenvertretung der Kundinnen und Kunden des öffentlichen Verkehrs begrüsst diese Bestrebungen und ist versucht zu sagen: Endlich. Den gemeinsam ist eben besser als einsam.

Die Entwicklung der elektronischen Billetsysteme in der Schweiz kann nicht anders als bemühend bezeichnet werden. Nicht zuletzt dank der zögerlichen Haltung der SBB ist es in dieser Beziehung nicht richtig vorwärtsgegangen. Kein Wunder, dass einzelne Bahn- oder Busverwaltungen im Lichte bereits bestehender Systeme von sich aus eigene Entwicklungen erarbeitet haben, die bereits in der Testphase stehen.

Gemeinsamt statt einsam – es ist gut, dass die Einsicht bei drei Partnern um sich gegriffen hat. Es wäre zu begrüssen, wenn auch die noch abseits stehenden Unternehmungen sich in dieses Vorhaben einbinden lassen. Dies ganz im Sinne von am gleichen Strick ziehen – aber bitte gemeinsam und in die gleiche Richtung!

 

1
KOMMENTIEREN - commenter - commentare

avatar
1 Kommentar-Threads
0 Thread Antworten
0 Follower
 
Kommentar mit am meisten Reaktionen
Aktivster Kommentar-Thread
1 Kommentarautoren
Stefan Unholz Neuste Kommentarautoren
  Abonnieren  
neuste älteste beste Bewertung
Benachrichtige mich zu:
Stefan Unholz
Gast

So-so, da wird also wieder einmal „Von der Branche für die Branche“ ins Blaue geplant. Aber was ist mit demjenigen, der eigentlich im Fokus stehen sollte, nämlich dem Kunden? Jeder Versuch, in der Schweiz ein Smartphone-Obligatorium oder einen Ortungszwang einzuführen, ist doch schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt. Genausogut könnte man ankündigen, in Zukunft allen ÖV-Benützern einen Chip im Nacken einsetzen zu wollen wie bei Hunden und Katzen – irgendwie absurd. Irgendwann sollten diese Schreibtischplaner endlich das reale Leben und die rechtlichen Grundlagen zur Kenntnis nehmen. Jede Diskriminierung von strahlungskritischen und datenschutzsensiblen Normalbürgern ist bei öffentlichen Dienstleistungen nun einmal verboten,… Mehr lesen »