Weniger als 100 Tage bis zur Inbetriebnahme des Gotthard-Basistunnels

An der Schwelle zu einem neuen Eisenbahnzeitalter.

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Die SBB Re 620 012 "Regensdorf" befördert den rund 2000 Tonnen schweren Stahlzug 66585 von Basel nach Chiasso via Gotthard-Basistunnel. / Quelle: Sandro Hartmeier

Am 11. Dezember 2016 geht der Gotthard-Basistunnel in den fahrplanmässigen Betrieb. Damit fällt in weniger als 100 Tagen der Startschuss für ein neues Eisenbahnzeitalter auf der Nord-Süd-Achse am Gotthard. Die Flachbahn durch die Alpen bringt den Kunden im Güter- und Personenverkehr einen Leistungsschub mit kürzeren Fahrzeiten sowie mehr und zuverlässigeren Verbindungen. Auf der Gotthard-Panoramastrecke wird die SBB ein nachfragegerechtes, mehrstufiges und finanzierbares Angebot bieten. Bereits vor der fahrplanmässigen Inbetriebnahme können die Kunden durch das Jahrhundertbauwerk fahren. Noch bis Ende November verkehren die Sonderzüge „Gottardino“, die SBB bietet aufgrund der grossen Beliebtheit zusätzliche Fahrten an.

Die Vorbereitungen für die fahrplanmässige Inbetriebnahme des Gotthard-Basistunnels laufen auf Hochtouren – nicht zuletzt bei den Güterverkehrskunden, denen sich durch den Tunnel neue Möglichkeiten eröffnen.

„Dank des Gotthard-Basistunnels können unserer Kieszüge mit einer optimalen Länge von 20 Wagen und mit nur einer Lok fahren“

, sagte Gerd Aufdenblatten, CEO Central Europe West und CEO Holcim (Schweiz) AG am 31. August 2016 an einer Medienkonferenz in Flüelen.

Die neue Nord-Süd-Achse stehe für eine schnelle, stabile und immer verfügbare Verkehrsachse durch die Alpen. Zudem ermöglicht die erneuerte Nord-Süd-Achse Gotthard einen deutlichen Ausbau des Güterverkehrs, wie Nicolas Perrin, Leiter SBB Cargo, erklärte.

Dank dem Basistunnel ist es nun auch gelungen, die bekannten Pelati der Migros per Bahn von Neapel via Gotthard-Basistunnel nach Suhr zu transportieren, bisher erfolgten diese Transporte per LKW, obwohl der orange Riese bereits seit 52 Jahren ein Kunden von SBB Cargo ist.

„Heute verkehren 180 Güterzüge pro Tag. Mit der Inbetriebnahme des Ceneri-Basistunnels Ende 2020 werden es bis zu 260 Züge sein“

,so Nicolas Perrin, Leiter SBB Cargo.

Mit der Flachbahn genügt künftig eine Lok des Typs Re 620, um einen 750 Meter langen Zug mit einem Gesamtgewicht von bis zu 2000 zu befördern. Mit einer vierachsigen Lok (Re 420, BR 185) ist die Anhängelast auf 1600 Tonnen begrenzt. Nicolas Perrin meinte im Zusammenhang mit der angekündigten Revision von 25 Re 620-Lokomotiven, eventuell müsse man die Industrie überzeugen, wieder einmal eine neue 6-achsige Güterzuglok zu konstruieren. Ab 5. September fährt SBB Cargo die ersten kommerziellen Güterzüge im Rahmen des Probebetriebs durch den Gotthard-Basistunnel. Bis zur Inbetriebnahme am 11. Dezember werden rund 4500 Güterzüge – davon rund 2000 SBB Cargo Züge durch den neuen Gotthardtunnel verkehren.

Derzeit wird die Gotthardlinie für den im Güterverkehr wichtigen 4 Meter-Korridor hergerichtet. Italien hat zugesagt, dass dieser Korridor im eigenen Netz nicht nur bis an die grossen Terminals im Raum Mailand realisiert wird, sondern auch weiter in Richtung Süden, so dass unter anderem Häfen an der Adria erreichbar werden.

Sorgen bereitet SBB Cargo der Ausbau der Rheintalstrecke in Deutschland, welcher sich aufgrund unzähliger Einsprachen auf im Moment nicht absehbare Zeit verzögert.

Zusätzliche „Gottardino“-Fahrten
Auch die Kunden des Personenverkehrs können schon vor der fahrplanmässigen Inbetriebnahme durch den Gotthard-Basistunnel fahren. Der Sonderzug „Gottardino“ verkehrt täglich ausser montags von Flüelen nach Biasca und zurück. Das Publikumsinteresse ist sehr gross, der „Gottardino“ ist bis Ende November praktisch ausgebucht (Sitzplatzauslastung 93 %). Deshalb hat die SBB entschieden, zusätzliche Fahrten mit noch einmal mindestens 2400 Plätzen anzubieten. Zwischen September und November verkehren zudem zunehmend Regelzüge zu Testzwecken durch den neuen Gotthardtunnel.

Schneller und komfortabler
Ab dem 11. Dezember verkürzen sich die Reisezeiten zwischen der Deutschschweiz und dem Tessin sowie nach Italien je nach Verbindung um 25 bis 35 Minuten. So dauert beispielsweise die Fahrt von Zürich HB nach Milano Centrale neu 3 ½ Stunden und von Zürich HB nach Lugano noch 2 ¼ Stunden. Sechs EC/IC-Züge pro Tag – je drei pro Richtung – werden in Flüelen halten. Durch den Gotthard-Basistunnel fahren ausschliesslich klimatisierte Triebzüge vom Typ ICN und ETR 610 sowie Inter City-Kompositionen mit Re 460 und EW IV-/EC-Wagen: Ab Ende 2019 kommen zudem die neuen Giruno-Züge von Stadler zum Einsatz, welche ein komfortables Reiseerlebnis bieten werden und in den Speisewagen, als Hommage an die Geschichte, originale Ae 6/6-Wappen erhalten.

Im August 2016 ist es vermehrt zu Ausfällen von ETR 610-Kompositinen von Trenitalia gekommen, welche auf dem Schweizer Abschnitt teilweise erst nach mehreren Tagen mit Ersatzkompositionen geführt werden konnten. Grund für die Ausfälle sind die Radsätze der Züge, welche sich durch die Fahrten auf der durch die engen Kurvenradien anspruchsvollen Gotthardroute schneller als erwartet abnutzten und nun Zug für Zug instand gestellt werden müssen. Am 31. Mai 2016 sollen nur 3 der 7 Trenitalia ETR 610 einsatzfähig gewesen sein. Die SBB ETR 610-Züge haben diese „Kur“ bereits durchlaufen. Trotzdem investiert die SBB 12,9 Millionen in die eigene ETR 610-Flotte und setzt diverse Verbesserungen um: So werden die Züge der ersten Serie an die der zweiten Serie angeglichen und generelle Verbesserungen, insbesondere im Bereich Neigetechnik/Traktion vorgenommen.

Im März 2016 lag die Kundenpünktlichkeit auf der Gotthardroute bei 82%, dies bei einem Sollwert für diese Strecke von 85%. In der Schweiz werden verspätetet Züge jeweils „isoliert“, in Italien geniesst der Regionalverkehr die höchste Priorität.

Sämtliches Rollmaterial des Personenverkehrs von SBB und Trenitalia, welches durch den Basistunnel verkehren wird, hat die dafür notwenigen Betriebsbewilligungen erhalten.

Nach der Inbetriebnahme des Ceneri-Basistunnels Ende 2020 beträgt die maximale Zeitersparnis bis zu 60 Minuten. Ab dann fahren die Züge zwischen der Deutschschweiz und dem Tessin halbstündlich und zwischen Zürich und Mailand stündlich. Zu diesem Zeitpunkt wird auch der Tessiner Regionalverkehr deutliche Verbesserungen erhalten. So werden die Fahrgäste zum Beispiel von einer neuen Express-Verbindung zwischen Lugano und Locarno profitieren (Fahrzeit neu 31 statt wie bisher 59 Minuten). Die Fahrzeiten zwischen der Leventina und Lugano/Mendrisiotto verkürzen sich um bis zu 30 Minuten.

„Das ist halb so viel wie heute“

, sagt Roberto Tulipani, CEO der Tilo AG.

Rete Ferroviaria Italiana (RFI) hat der SBB bestätigt, dass die Ferrovia Mendrisio-Stabio-Varese e Malpensa (FMV) ab Dezember 2017 für den durchgehenden Betrieb bereit stehen wird. Der auf Schweizer Gebiet liegende Abschnitt Mendrisio – Stabio wird seit Dezember 2014 betrieben.

Das Tessin plant für Touristen die Einführung eines „Ticino-Ticket„, dieses soll in Hotels und weiteren Unterkünften den Gästen abgegeben werden und kostenloses Reisen mit dem ÖV innerhalb der Zonen des Arcobaleno-Tarifverbundes erlauben.

Über den Berg auf der Panoramastrecke
Mit der Inbetriebnahme des GBT erwartet die SBB auch eine deutliche Steigerung der Nachfrage auf der Nord-Süd-Achse Gotthard. Bis 2025 werden täglich rund 18‘000 Reisende unterwegs sein – doppelt so viele wie heute. Die Nachfrage auf der Gotthard-Panoramastrecke – wie die SBB die Bergstrecke neu nennt – wird sich von heute rund 9000 auf täglich durchschnittlich 500 Passagiere markant verringern. Die SBB wird aber auch auf der Panoramastrecke ein attraktives Angebot bieten:

„Wir sprechen am Gotthard nicht von Angebotskonzepten – wir fahren sie und das schon dieses Jahr“

, sagt der Verkehrschef Toni Häne von SBB Personenverkehr.

Die Interregio-Züge aus Basel, Luzern und Zürich sowie die mit FLIRT geführten Regio Express-Züge aus dem Tessin fahren künftig jeweils im Stundentakt bis Erstfeld und zurück. Die Züge über die Gotthard-Panoramastrecke sind ins Tessiner S-Bahn-System eingebunden. Zusätzlich gibt es in Zeiten starker Nachfrage weiterhin Direktverbindungen aus Basel und Zürich bis Göschenen. Von April bis Oktober verkehrt an Wochenenden und Feiertagen der „Gotthard Weekender“ von Zürich mit verschiedenen Halten auf der Panoramastrecke nach Bellinzona und zurück. Dieser ist ideal für Wanderer und Ausflügler und bietet viel Platz für Velos und Gepäck (Komposition mit Velo- und Gepäckwagen). Ebenfalls von April bis Oktober fährt künftig der neue Gotthard Panorama Express zwischen Flüelen und Bellinzona, einmal täglich je Richtung. Dieser startet erstmals am Karfreitag 2017. Formiert wird dieser Zug mit einer Lok Re 420, 3 EC Apm Panoramawagen (1. Klasse), einem B 50-Wagen (2. Klasse, ex. Bpm 51) mit öffnungsfähigen Fenstern für Fotografen und einem weiteren B 50-Wagen, welcher als Velo- und Logistikwagen mitgeführt wird [Foto]. Der Gotthard Panorama Express wird mit Zugpersonal begleitet, es werden Hintergrundinformationen zur Strecke vermittelt, gewisse Abschnitte (Bsp. Kirche von Wassen) in Langsamfahrt befahren und eine Verpflegung am Sitzplatz angeboten. Eine Sitzplatz-Reservation – welche für beide Klassen auch online möglich sein wird – ist notwendig. Der Zug wird international auch in Asien und Übersee vermarktet, bereits heute liegen rund 1000 Vorbuchungen vor.

Die SBB ist sich bewusst, dass insbesondere beim internationalen Onlinevertrieb gegenüber heute noch massive Verbesserungen erreicht werden müssen. Auch die Zugbindungen bei den EC-Verbindungen von/nach Mailand ist dabei ein Thema. Um das touristische Potenzial der Region St. Gotthard zu entwickeln, vermarktet die SBB die gesamte Gotthard-Region.

Die SBB ist überzeugt, mit dem Stundentakt, den touristischen Zügen und den Verstärkungen je nach Nachfrage ein attraktives und finanzierbares Angebot bieten zu können.

„Ein Angebot welches nicht nur auf dem Papier vorliegt, sondern ab Dezember gefahren wird.“

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SBB erneuert Nord-Süd-Achse Gotthard
Der neue Gotthardtunnel ist Ausdruck von Schweizer Präzision, Innovationsfähigkeit und Zuverlässigkeit. Die Inbetriebnahme des neuen Gotthardtunnels am 11. Dezember 2016 ist der wichtigste Meilenstein der erneuerten Nord-Süd-Achse Gotthard. Ihre volle Leistungsfähigkeit erhält die alpenquerende Schienenverbindung aber erst nach der Inbetriebnahme des Ceneri-Basistunnels (Ende 2020) und des 4-Meter-Korridors (Ende 2020). Bis dahin werden auf den Zulaufstrecken zu den beiden Basistunneln zwischen Basel und Chiasso rund 25 Bauprojekte realisiert. Mit zahlreichen Massnahmen in den Bereichen Rollmaterial, Bau und Betrieb wird die SBB die Auswirkungen auf die Kundinnen und Kunden bis zum Abschluss der Bauprojekte so gering wie möglich halten.
Pro Bahn: Positive und negative Meilensteine
Die SBB haben den ersten offiziellen Güterzug mit 2000 Tonnen Anhängelast ohne Vorspannlokomotive durch den Gotthard-Basistunnel geschickt. Damit ist ein positiver Meilenstein erreicht, die Traktion wird vereinfacht, dies gilt allerdings nur bis Bellinzona. Muss der Zug über die Ceneri-Bergstrecke braucht es wieder eine Vorspannlokomotive wegen der dortigen Steigung von 27 Promille. Pro Bahn Schweiz, die Interessenvertretung der Kundinnen und Kunden des öffentlichen Verkehrs freut sich über diesen Fortschritt, wird doch auf diese Weise eindrücklich bewiesen, dass sich der Slogan „für Güter die Bahn“ einmal mehr bewahrheitet. Dass sich dabei die Reisezeiten für Kundinnen und Kunden bei Reisen ins Tessin markant verkürzen, ist ein weiterer Grund, auf die Bahn ein- oder umzusteigen. Allerdings muss dabei sichergestellt werden, dass die Verbindungen wesentlich zuverlässiger als heute funktionieren.

Angebot auf der Gotthard Bergstrecke ungenügend
Hier muss nach wie vor von einem negativen Meilenstein berichtet werden. Wohl wird ein Angebot auf der Gotthard-Bergstrecke gefahren und zwar eines, dass zu einem unnötigen Umsteigen in Erstfeld zwingt, bei dem die Zugsbegleitung fehlt und erst noch eines, wo der volle Preis für ein Billett in der ersten Klasse gefordert aber ein reduzierter Vorortstriebzug-Komfort geboten wird. So ein Angebot kann nicht anders als unattraktiv und lieblos bezeichnet werden. Die Ansage, wonach einzelne Züge bis Göschenen weiterfahren oder an einzelnen Wochentagen von Zürich aus bis Bellinzona verkehren, sind nichts mehr als kleine Trostpflästerchen, die nur wenig bringen. Dass an diesem sogenannt attraktiven Angebot festgehalten und auch bei parlamentarischen Vorstössen oder Eingaben an den Bundesrat auf die unternehmerische Freiheit der SBB verwiesen, aber nichts gegen diesen Angebotsabbau unternommen wird, ist und bleibt unverständlich.

Pro Bahn Schweiz bleibt dabei: Das vorgesehene Angebot auf der Gotthard-Bergstrecke ist nicht geeignet, Kunden auf die Bahn zu locken. Einmal mehr sei den Verantwortlichen in Erinnerung gerufen, dass bei einer Autofahrt nie umgestiegen werden muss. Es ist klar, dass die Bahn das gleiche Ziel nicht erreichen kann. Mit dem System von Bahn 2000 wurde versucht, ihm auf optimale Art und Weise näher zu kommen. In Erstfeld wird es unnötigerweise verlassen. Es bleibt einfach zu hoffen, dass mit der Neuvergabe der Fernverkehrskonzession dieser Mangel wieder abgeschafft wird und der Betrieb jener Bahnverwaltung anvertraut wird, wo der Kundennutzen und nicht nur finanzielle Überlegungen im Vordergrund stehen.

Info

Erstellt: 31. Aug 2016 @ 15:17

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