SUST-Schlussbericht über die Entgleisung eines Personenzuges nach einem Erdrutsch auf der Strecke Tiefencastel – Thusis

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Unfallstelle von der Zugsspitze her gesehen. / Quelle: SUST

Am 13. August 2014 um 12:18 Uhr ist der Zug RE 1136 St. Moritz – Chur der Rhätischen Bahn (RhB) zwischen Tiefencastel und Thusis beim Bahnkilometer 52.241 von einem Erdrutsch getroffen worden und entgleist. Ein Wagen stürzte ca. 20 m einen Steilhang hinunter und wurde durch Bäume angehalten. Von den rund hundertfünfzig Passagieren wurden acht Reisende schwer und acht Reisende leicht verletzt. Eine schwer verletzte Person erlag ihren Verletzungen neun Tage nach dem Ereignis. Der Sachschaden an der Infrastruktur und am Rollmaterial war beträchtlich.

Untersuchung
Am 13. August 2014 um 14:25 Uhr traf bei der ehemaligen schweizerischen Unfalluntersuchungsstelle SUST die Meldung über die Entgleisung eines Personenzuges nach einem Erdrutsch ein. Die Untersuchung wurde am gleichen Tag in Zusammenarbeit mit der Kantonspolizei Graubünden eröffnet.

Für die Untersuchung standen zur Verfügung:

  • Bestandsaufnahme auf der Unfallstelle;
  • Fotos;
  • Geologische Gutachten;
  • Meteorologische Daten, kurz- und langfristig;
  • Fahrdaten des Zuges;
  • Pflichtenhefte;
  • Kartenmaterial;
  • Gleispläne;
  • Befragungen von Beteiligten und Betroffenen.

Ursache
Die Entgleisung eines Personenzuges am 13. August 2014 zwischen Tiefencastel und Thusis ist auf einen unvorhersehbaren Erdrutsch zurückzuführen, der während der Durchfahrt des Zuges erfolgte.

Im Rahmen der Untersuchung konnten folgende Risiken erkannt werden:

  • Im abgerutschten Wagen bestand ein Gefahrenpotential durch herunterfallende Deckenverschalungen.
  • Wegen einer Lücke in der Netzabdeckung zur mobilen Kommunikation war das Aufbieten der Notfallorganisation nicht sofort möglich.

Sicherheitsempfehlung und Sicherheitshinweis
Mit dem Schlussbericht wird eine Sicherheitsempfehlung und ein Sicherheitshinweis ausgesprochen.

Beteiligte Unternehmen:

  • Transportunternehmen: Rhätische Bahn AG, Chur (RhB)
  • Infrastrukturunternehmen: Rhätische Bahn AG, Chur

Beteiligte Fahrzeuge:

  • Lokomotive Ge 4/4 III 651 RhB
  • Erster Wagen EW IV A 1281 RhB
  • Zweiter Wagen EW II A 1269 RhB
  • Dritter Wagen EW II B 2427 RhB
  • Vierter Wagen EW II B 2425 RhB
  • Fünfter Wagen EW II B 2426 RhB
  • Sechster Wagen DS 4222 RhB
  • Siebter Wagen EW I B 2451 RhB
Stellungnahme RhB: Untersuchungsbericht bestätigt Unvorhersehbarkeit
Gut zweieinhalb Jahre nach dem Ereignis hat die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (SUST) ihren Bericht zum Unfall vom 13. August 2014 bei Tiefencastel veröffentlicht. Daraus geht hervor, dass der Erdrutsch, welcher zur Entgleisung eines Reisezuges der Rhätischen Bahn (RhB) geführt hatte, nicht vorhersehbar war und die RhB auf dem betroffenen Streckenabschnitt die Gefahr richtig eingeschätzt hat. Beim Unfall waren 16 Personen verletzt worden. Neun Tage nach dem Unglück verstarb ein verletzter Fahrgast. Die Rhätische Bahn bedauert den Unfall sehr.

Lok- und Zugpersonal reagierte rasch und richtig
Die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf dem Streckenabschnitt des Unfalls beträgt 50 km/h. In ihrem Unfalluntersuchungsbericht hält die SUST fest, dass der Lokführer mit 50 km/h fuhr und bei der Schnellbremsung der Zug innerhalb des errechneten Bremsweges zu stehen kam. Das Lok- und Zugpersonal reagierte rasch und richtig. Nachdem er den Zug gesichert hatte, konzentrierte sich der Lokführer auf die Alarmierung der Rettungskräfte, und der Zugbegleiter kümmerte sich um die Fahrgäste. Beide agierten besonnen und professionell. RhB-Verwaltungsratspräsident Stefan Engler, welcher nach dem Unfall vor Ort war, ist froh, dass der lange erwartete Bericht nun vorliegt und die von der RhB gemachten Einschätzungen teilt. Direktor Renato Fasciati, der damals noch nicht bei der RhB war: „Die Rhätische Bahn bedauert den Unfall vom 13. August 2014 sehr. Der Bericht der SUST bestätigt, dass das Risiko richtig eingeschätzt wurde und das Ereignis nicht vorhersehbar war. Die RhB verfügt über ein ausgeprägtes Risikomanagement, macht jährlich grosse Investitionen in die Sicherung des Streckennetzes und hat in Zusammenarbeit mit dem kantonalen Amt für Wald und Naturgefahren eine Risikohinweiskarte erstellt. Diese bildet zusammen mit den regelmässigen Streckenbegehungen ein wichtiges Instrument für die Gefahrenbeurteilung, welche beim Unfallstandort von Tiefencastel zu einer korrekten Einschätzung der Lage geführt haben.“

Früher keine Ereignisse auf diesem Streckenabschnitt
Auf dem Unfall-Abschnitt der Albulalinie sind seit ihrer Eröffnung im Jahr 1903 keine Naturereignisse registriert worden. Auf der von der RhB in Zusammenarbeit mit dem kantonalen Amt für Wald und Naturgefahren erarbeiteten Risikohinweiskarte wurde der Unfallstandort in der zweittiefsten von fünf Risikokategorien geführt. In dieser Kategorie werden keine vorsorglichen Massnahmen geplant. Sie wird als „geringe Gefahr“ eingestuft. Beim letzten Kontrollgang durch den Streckenwärter zwei Stunden vor dem Ereignis waren keine Anzeichen für einen kommenden Erdrutsch festgestellt worden. In ihrem Bericht kommt die SUST zum Schluss, dass sich der Erdrutsch zeitgleich mit der Durchfahrt des Zuges zugetragen hat. Der Lokführer bremste den Zug wegen Ästen auf dem Gleis. Der Erdrutsch folgte unmittelbar danach und brachte die ersten drei von insgesamt sieben Personenwagen des Zuges zur Entgleisung.

Info

Erstellt: 16. Mrz 2017 @ 13:26

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