Leiter SBB Infrastruktur zum Zustand des Schienennetzes

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Auf dem Netz der SBB entgleisten innert Wochenfrist zwei Züge – ein Fernverkehrszug in Luzern am 22. und eine S-Bahn in Bern am 29. März 2017. Philippe Gauderon, Leiter SBB Infrastruktur, nimmt Stellung.

Philippe Gauderon, sind die Ursachen für die beiden Entgleisungen bereits bekannt?

„Die Ursache der Entgleisungen in Luzern und Bern ist Gegenstand laufender Abklärungen der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (SUST). Deshalb können wir heute dazu noch keine Aussage machen. Die Ergebnisse der Untersuchungen werden wir sehr ernst nehmen.“

Hat die SBB ein Sicherheitsproblem?

„Nein, die SBB hat kein Sicherheitsproblem. Es ist menschlich, dass bei zwei Unfällen innert kurzer Zeit nach einem Zusammenhang gesucht wird. Wir gehen aber davon aus, dass kein Zusammenhang zwischen den Entgleisungen in Luzern und Bern besteht. Sicherheit hat bei der SBB oberste Priorität. Bis jetzt konnten wir unsere hoch gesteckten Sicherheitsziele im laufenden Jahr einhalten. Die beiden Entgleisungen, aber auch die zwei tödlichen Berufsunfälle im Februar zeigen uns allerdings, dass wir beim Thema Sicherheit nie nachlassen dürfen. Wir hatten sowohl in Luzern als auch in Bern Glück im Unglück. Die Eisenbahn ist laut Bundesamt für Statistik nach wie vor mit Abstand das sicherste Verkehrsmittel in der Schweiz.“

Wie ist der Zustand des SBB-Netzes?

„Der Netzzustand der SBB ist mit einem Wert von 2,7 auf einer Skala von 1 („neuwertig“) bis 5 („ungenügend“) gut bis ausreichend. Damit haben wir erstmals den Soll-Zustand erreicht. Wir kennen den Zustand der Bahninfrastruktur seit dem Netzaudit von 2009 genau und haben ihn jährlich transparent im Netzzustandsbericht ausgewiesen. Es ist normal, dass nicht alle Anlagen die Note 1 haben – das wäre nur bei einem komplett neuwertigen Netz so. Weil wir in der Vergangenheit die Infrastruktur zu wenig unterhalten haben, haben wir heute einen Rückstand. Wir gehen davon aus, dass wir den Rückstand bis 2020 stabilisieren und bis 2035 abbauen können.“

Der Zustand der Fahrbahn ist gemäss Netzzustandsbericht 2016 nur ausreichend. Spielte das in Luzern und Bern eine Rolle?

„Beim Zustand der Fahrbahn müssen wir unterscheiden zwischen dem Mittelwert und dem Zustand einzelner Anlagen. Der Mittelwert von 3,3 ist kein Grund zur Besorgnis, auch wenn er knapp unter dem Soll von 3,1 liegt. Allerdings ist ein Drittel der Fahrbahn-Kilometer in schlechtem bis ungenügendem Zustand und muss prioritär erneuert werden, bei ungenügenden Anlagen teilweise mittels Sofortmassnahmen. Gemäss heutigem Wissensstand war die Infrastruktur in Luzern und Bern vor den Unfällen in gutem bis ausreichendem Zustand. In Luzern stellten unsere Fachleute vor dem Unfall weder am Fahrzeug noch an der Bahnanlage Auffälligkeiten ausserhalb der reglementarischen Toleranzen fest. Die Weiche in Bern hätte aufgrund ihres Baujahrs 1989 bald erneuert werden müssen, war aber in ausreichendem Zustand. Bei der letzten Ultraschallmessung am 11. Mai 2016 und der letzten visuellen Kontrolle Mitte März 2017 stellten wir keine Unregelmässigkeiten fest. Normalerweise kontrollieren wir Weichen mit einer vergleichbaren Belastung alle zwei Wochen visuell und überprüfen sie einmal jährlich manuell mittels Ultraschall. Eine visuelle Inspektion der Weiche in Bern wäre am Mittwochnachmittag geplant gewesen.“

Tut die SBB zu wenig, um ihre Infrastruktur instandzuhalten?

„Ganz im Gegenteil: Die SBB hat in den letzten Jahren den Unterhalt des Bahnnetzes ausgebaut und investiert mehr Geld – insbesondere in den präventiven, vorbeugenden Unterhalt. Zum Beispiel hat die SBB 2016 2033 Kilometer Schienen geschliffen; das sind 589 km oder 41% mehr als im Vorjahr. Insgesamt investiert die SBB jährlich 2,1 Milliarden Franken in den Substanzerhalt der Infrastruktur. Mit Ausnahme des Stopfens haben wir 2016 die strategisch notwenigen Unterhalts- und Erneuerungsmengen, um den Zustand der Bahninfrastruktur nachhaltig zu stabilisieren, übertroffen. Der Bund und die SBB haben die Situation erkannt und mit der Vorlage „Finanzierung und Ausbau Bahninfrastruktur“ (FABI) dem Unterhalt Priorität vor dem Ausbau gegeben. Indem die SBB das Bahnnetz effizient betreibt und gut unterhält, leistet sie einen direkten Beitrag zur Kundenpünktlichkeit. Diese lag 2016 bei 88,8 Prozent. Dies ist der beste Wert seit fünf Jahren.“

Letzte Frage: Wie sollen sich Mitarbeitende verhalten, wenn sie Unsicherheiten feststellen?

„Ich möchte bei der SBB eine offene Kultur hochhalten. Alle Mitarbeitenden dürfen und sollen Unsicherheiten ansprechen und melden. Ausserdem haben wir eine vertrauliche Meldestelle für Beinaheunfälle. Dort gilt dasselbe Prinzip wie bei der Feuerwehr: lieber einmal zu viel als einmal zu wenig.“

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