Richtplan Kanton Bern: Herzogenbuchsee will Nachtzüge

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Die Einwohnergemeinde Herzogenbuchsee nimmt in einem Brief Stellung zu den Anpassungen 2018 des Kantonalen Richtplans. Es handelt sich um Anmerkungen und Anträgen betreffend den Unterlagen zum Richtplan Massnahme B_04 „Im öffentlichen Regional-, Agglomerations- und Ortsverkehr Prioritäten setzen“, in denen der Kanton seine Haltung zur Erschliessungsqualität mit öffentlichem Verkehr definiert. Konkret wird gefordert, die entsprechende Richtplan-Massnahme mit folgendem Wortlaut zu ergänzen: „Erschliessung aller Zentren von regionaler Bedeutung des Kantons von und in die Hauptstadt mit integralem Halbstundentakt“.

Begründung: Der Kanton Bern definiere den Halbstundentakt auf dem ganzen S-Bahn-Netz, was aber nur jene Orte abdecke, die an einer S-Bahn-Linie liegen, was bei den mit der Bahn erschlossenen Orten im Kanton fast überall der Fall sei – „ausser im Oberaargau“. Hier sind Herzogenbuchsee und Langenthal auf der Fernverkehrslinie Bern – Olten als einzige Bahnhöfe von Bern her nur durch den Fernverkehr erschlossen, was für erhebliche Nachteile bei der Erschliessung nachts ab 22 Uhr sorge. Vergleichbare Gemeinden wie Lyss und Schwarzenburg, oder Kleinzentren wie Chiasso, Bülach, Weinfelden, Romanshorn und Sargans würden in den Nachtstunden alle deutlich besser bedient als Herzogenbuchsee und Langenthal, steht dazu in der Eingabe an den Kanton.

Wie die Gemeinde weiter schreibt, sei das Missverhältnis historisch gewachsen und beruhe auf der ungleichen Verantwortlichkeit von Bund (SBB) und Kanton (S-Bahnen) für die Bahnerschliessung. Bis in die späten neunziger Jahre verfügte die Stammlinie Bern – Olten über Regional- und Schnellzüge. Die Regionalzüge hätten sich grundsätzlich zur Umwandlung in eine S-Bahn-Linie geeignet. Bevor das geschehen konnte, hat die SBB den Regionalverkehr auf der Linie aber wegen damals nachvollziehbarer Engpässe auf der Stammlinie eingestellt. Erst die Eröffnung der Bahn-2000-Neubaustrecke schuf dann wieder neue Kapazitäten. Da waren aber Bahnhöfe wie Bützberg oder Riedtwil längst geschlossen. Einige Jahre bediente die SBB die verbliebenen Bahnhöfe ab 22 Uhr noch im Halbstundentakt, bis sie diesen vor einigen Jahren auf einen Stundentakt ausdünnte. Seither kämpfe der Oberaargau vergeblich um die Rückkehr der beiden von der SBB gestrichenen Abendzüge.

Die Eingabe bleibt aber unmissverständlich:

„Es kann aber aus Sicht Herzogenbuchsees, das als ESP-Standort definiert ist, nicht sein, dass die Zufälligkeit der Betreiber der Linie beziehungsweise die Zufälligkeit des Desinteresses der Leitung von SBB-Fernverkehr an dieser Gegend allein darüber entscheidet, wie viel Erschliessungsqualität der Kantonsteil hat. Aus unserer Sicht muss im Richtplan Verkehr des Kantons eine definierte Verbindungsdichte für die Zentren von regionaler Bedeutung, bei Langenthal sogar für ein Agglomerationszentrum, postuliert werden. Das Abstützen allein auf S-Bahn-Linien ist aus unserer Sicht willkürlich.“

Und weiter steht geschrieben:

„Die Linie Bern – Olten schafft in der Tat eine Ausnahmesituation durch den alleinigen Betrieb durch die SBB (künftig durch die SOB). Aber gerade das entbindet den Kanton nicht von der Verpflichtung, die Besonderheiten dieses Angebotes zu berücksichtigen und deren Mängel in geeigneter Weise zu kompensieren.“

Wie das genau geschehe, sei offen, ist man sich im Klaren darüber, dass sämtliche Lösungen Vor- und Nachteile haben. Für die Gemeinde gibt es drei mögliche Lösungsansätze:

  • Führen zweier solitärer S-Bahnverbindungen Bern – Langenthal zwischen 22:30 Uhr und 00:30 Uhr in den Taktlücken der RE/IR-Verbindungen. Nachteil: Teuer wegen zusätzlichem hohem Betriebsaufwand.
  • Überzeugen der SOB als neuer Betreiberin der Linie Bern – Olten zur erneuten Verdichtung im Sinne eines integralen Halbstundentaktes bis 24 Uhr. Da für den Bahnhof Langenthal künftig mit einer erheblichen Frequenzsteigerung zu erwarten ist, können sich die zusätzlichen Verbindungen durchaus rechnen. Nachteil: Auch die SOB ist wie die SBB dem Kanton Bern und dem Oberaargau nicht besonders verbunden und deshalb womöglich wenig motiviert, ausgleichende Lösungen zu suchen.
  • Interkantonal koordiniertes Lobbying beim Bundesamt für Verkehr (BAV) für Kriterien der Bedienung im Fernverkehr im Sinne eines integralen Halbstundentaktes für alle Linien bis 24 Uhr im Zusammenhang mit den anstehenden Konzessionserneuerungen. Nachteil: Die Region ist vom Entscheid des BAV abhängig, dem die Nachteile des Oberaargau und ähnlicher Regionen in der Schweiz womöglich relativ egal sind.

Nicht sinnvoll sei aus Sicht der Region die Umwandlung der RE/IR-Strecke Bern – Olten insgesamt in eine S-Bahn-Linie, da sie den bestehenden Vorteil der kurzen Fahrzeit nach Bern drastisch einschränken würde. Ausserdem wäre ein Bahnhofsneubau in Bützberg kaum bezahlbar und ein Revival des alten Bahnhofs Riedtwil schwierig.

Eine zweite Eingabe betrifft die Infrastruktur. Hier müsse der Richtplan mit der anstehenden Neugestaltung des Bahnhofplatzes und der Bushaltestellen ergänzt werden.

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