Im Rahmen der 100-Jahr-Feierlichkeiten der Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV in der Ostschweiz diskutierten SEV-Präsident Giorgio Tuti und Daniel Müller-Jentsch, Verkehrsexperte von Avenir Suisse gleich zweimal über die Zukunft der Mobilität – und waren sich nicht einig.

Tuti und Müller-Jentsch kreuzten sich die Klingen zuerst am 100-Jahr-Fest im Depot der Frauenfeld-Wil-Bahn in Wil und danach im Kino Palace in St. Gallen im Rahmen einer Vortragsreihe, die der SEV zusammen mit der Erfreulichen Universität St. Gallen anbot. In Wil diskutierte auch Ständerat Paul Rechsteiner mit, und in St. Gallen VCS-Präsident Ruedi Blumer.

Wohin reine Kostenorientierung führt

«Man muss die Probleme der Gegenwart lösen, bevor man die Zukunft angehen kann»

, stellte Giorgio Tuti erst mal klar mit Verweis auf die gravierenden Qualitätsprobleme der SBB.

«Man kann ein öV-Unternehmen nicht gleich führen wie irgendeinen börsenkotierten Industriebetrieb.»

Der Fokus auf Effizienzsteigerung durch Kostensenkung mit ständigen Reorganisationen und Abbau von Rollmaterialreserven und Personal in allen Kategorien (Lok-, Zug-, Instandhaltungs-, Rangier- und Reinigungspersonal, Zugverkehrsleiter usw.) bewirkt nun, dass Ressourcen für einen qualitativ befriedigenden Betrieb fehlen. Resultat: verspätete, zu kurze oder ganz ausfallende Züge…

öV bleibt personalintensiv

Tuti ist überzeugt, dass es im öV trotz Digitalisierung künftig nicht weniger Personal brauchen wird, um einen guten Service zu gewährleisten. Denn auch IT-Systeme müssen betrieben und unterhalten werden, und für den Fall, dass sie versagen, braucht es Interventionskräfte, auch zur Betreuung der Reisenden.

«Diese wollen keine menschenleeren Züge und Geisterbahnhöfe, sonst nehmen sie das Auto, und das wollen wir ja nicht.»

Denn der öV ist nicht nur klimaschonender, sondern auch viel platzsparender als der motorisierte Individualverkehr, selbst wenn Automotoren mal kein CO2 mehr ausstossen.

Verkehr lenken und senken

Für Daniel Müller-Jentsch ist das Schweizer öV qualitativ vorbildlich, aber zu teuer. Darum fordert er einen Stopp des Ausbau von Bahn – und Strassen, wie er betonte. Denn sonst würden die Kosten für Unterhalt und Betrieb der Infrastruktur immer grösser. Vor allem die Bahn verschlänge immer mehr Subventionen – die Strasse dagegen sei weitgehend selbsttragend – und falls dem Staat einmal die Mittel ausgingen, seien Linien gefährdet. Statt auf Hardware-Ausbau müsse vermehrt auf smarte Software-Lösungen gesetzt werden: noch kleinere Abstände zwischen Zügen dank Automatisierung und vor allem Massnahmen zur Verkehrslenkung und -senkung.

«Bei der SBB beträgt die durchschnittliche Sitzplatzbelegung im Fernverkehr nur 32% und im Regionalverkehr sogar nur 20%, doch während drei bis vier Stunden am Tag ist das Bahnsystem überlastet.»

Die Verkehrsspitzen könnten gebrochen werden durch variable Tarife. Durch mehr Kostenwahrheit liesse sich auch Verkehr ganz vermeiden, indem Pendler/innen wieder näher zum Arbeitsort zögen – oder Homeworking machten.

Pendler und Seniorinnen stärker zur Kasse bitten?

«Die Pendler/innen sind heute gleich dreifach subventioniert: durch die allgemeine Subventionierung des Verkehrs, durch Mengenrabatte mittels GA und Halbpreisabo sowie durch den Pendlerabzug bei den Steuern.»

Vor allem die Subventionierung von Erstklass-Abos müsse aufhören, und auch die Rabatte für Senior/innen, zumindest während der Verkehrsspitzen.

Für Giorgio Tuti dagegen wäre eine Mehrbelastung der Pendler/innen unsozial, weil viele durch Reorganisationen, die hohen Mietpreise in den Städten oder durch familiäre Umstände (z.B. Kinderhüten durch Grosseltern) zum Pendeln gezwungen sind. Tuti ist auch dagegen, ausgerechnet auf Kosten der Senior/innen zu sparen. Variable Tarife würden zudem das heutige einfache Tarifsystem intransparenter und unattraktiver machen: So würde noch mehr Auto gefahren.

«Beim öV als Service public darf man nicht nur auf die Kosten schauen. Er ist für die Erschliessung der Randgebiete und die Kohäsion des Landes sehr wichtig»

, betonte Tuti.

«Der öV bringt der Bevölkerung sehr viel und darf etwas kosten.»

Einig waren sich Müller-Jentsch und Tuti, dass es beim Flugverkehr eine internationale Kerosinsteuer und weitere Lenkungsmassnahmen braucht, damit die Bahn auf mittlerer Distanz wieder konkurrenzfähig wird.

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