SBB Cargo: Gute erste Erfahrungen mit automatischer Kupplung [aktualisiert]

Dieser Artikel wurde ursprünglich am 11. Dezember 2019 veröffentlicht.

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Der Start mit der automatischen Kupplung ist geglückt; der Betrieb läuft überwiegend störungsfrei. Auch das Rangierpersonal reagiert positiv auf diese Innovation. Nur der Mischbetrieb stellt alle vor neue Herausforderungen. Eine erste Bilanz.

An einem kühlen Novembertag am Rangierbahnhof Limmattal (RBL) trifft sich eine Gruppe von Rangiermitarbeitern am Pausentisch. Die Männer sind sich bezüglich der automatischen Kupplung einig: Das System bewährt sich – körperlich viel weniger anstrengend. Denn: Bei der automatischen Kupplung genügt ein einzelner Handgriff zur Trennung der Wagen, was den Arbeitsprozess einfacher und sicherer macht – ohne Verletzungsgefahr für den Rangierarbeiter. Der Arbeitsalltag bei Wind und Wetter ist streng genug. Hier sind alle abgehärtet. Dennoch begrüssen sie diese Innovation und spüren deren Effekte. Der Mischbetrieb, bestehend aus der automatischen Kupplung und der Schraubenkupplung, hält jedoch alle auf Trab.

«Die Arbeitsabläufe sind beim Mischbetrieb etwas komplizierter und aufwendiger geworden»

, erklären die Rangiermitarbeiter unisono.

Hier sei mehr denn je höchste Konzentration und Aufmerksamkeit gefordert.

Mit grossem Enthusiasmus

Das Rangierpersonal von Marco Hagmann, Leiter Team Dietikon, wurde bereits in der Testphase miteinbezogen.

«Die Männer waren von Beginn weg Feuer und Flamme für das Pilotprojekt.»

Damit sie vertiefte Einblicke in die neue Technologie erhielten, haben sie sogar ihre Freitage für die Schulungen geopfert. Auch ist den Mitarbeitenden bewusst, dass es zu einer Veränderung kommen muss, und sie zeigen Verständnis für die Übergangsphase bis zum Ein-Personen-Betrieb.

Der Alltag hat sich beruhigt

Auch ein paar Schienenkilometer weiter, beim Lokpersonal, ist man positiv gestimmt.

«Der Alltag hat sich beruhigt und die Anliegen werden immer weniger»

, sagt Beat Koch, Leiter Lokpersonal RBL.

Kurz nach dem Start musste der Stecker für das Steuergerät erneuert und ersetzt werden, weil dieser für die manuelle Arbeit zu filigran entwickelt wurde. Der Mangel wurde rasch behoben und die Neuauflage ist bereits im Einsatz. Dass die Korrektur so schnell vorgenommen wurde, führte zu grosser Erleichterung. Kritisch bewertet werden der Mehraufwand und die geringen Platzverhältnisse beim Andocken der Lok. Vorschläge für eine Verbesserung wurden bereits an das Projektteam adressiert.

Viel gelernt

Auch Philipp Thalmann, Projektleiter Automation, und Aldo Smania, Leiter Automationspilot, sind beide erleichtert. Sie wollten auf Nummer sicher gehen und die automatische Kupplung erst lancieren, wenn alle Unsicherheiten ausgeräumt sind. Seit dem Start läuft der Betrieb überwiegend störungsfrei.

«Wir haben es hingekriegt»

, sagt Aldo Smania.

Auch, weil die Wagen in einem geschlossenen System – im Netz des kombinierten Binnenverkehrs – unterwegs sind.

Eine der grossen Herausforderung bei der Entwicklung und Einführung war, die komplexe Technologie sowie die neuen Arbeitsabläufe mit der alten Technik zu verbinden. Dies scheint soweit gut gelungen. Bereits in der Testphase konnten wichtige Erkenntnisse für die Weiterentwicklung der nächsten Generation des Rollmaterials gesammelt werden. Auch wurden Abklärungen und Vorkehrungen für den Winterbetrieb getroffen. Dafür hat man die Kupplung in einer Klimakammer getestet. Der Kälte hielt sie stand. Dass erst im Realbetrieb die Tücken und Besonderheiten zum Vorschein kommen und einzelne technische Anpassungen auftauchen werden, war der Projektleitung bewusst.

«Wir haben in dieser Phase viel gelernt für die nächsten Schritte»

, sagt Philipp Thalmann.

Es wurden deswegen auch alle Anstrengungen unternommen, diese technischen Mängel rasch zu beheben.

Der Ausblick

«Erst das Gesamtpaket rechnet sich»

, lautet das Fazit von Philipp Thalmann.

Konkret heisst das: Dieser Innovationsschub kann nur dann seine volle Wirkung entfalten, wenn andere Akteure wie beispielsweise die privaten Wagenhalter mitziehen und in ihre Wagen investieren. Nur so können die technischen Neuerungen flächendeckend umgesetzt und die Produktionsabläufe gut koordiniert werden. Die Kunden und Wagenhalter haben sehr positiv darauf reagiert, und das Konzept findet generell Zustimmung. Der nächste Ausbauschritt kann also kommen.

Der Ein-Personen-Betrieb
Nebst der automatischen Kupplung gehören auch die automatische Bremsprobe sowie ein Kollisionswarnsystem zum Ein-Personen-Betrieb. Diese Elemente zusammen ermöglichen eine durchgängige Zustellung mit nur einem Mitarbeitenden – heute sind dafür mindestens zwei Mitarbeitende nötig. Die manuelle Bremsprobe dauert heute bei einem 500 Meter langen Zug bis zu 40 Minuten; automatisiert noch 10 Minuten. Dies ist der erste Schritt zur automatischen Zugvorbereitung. Auf allen Wagen, die mit der automatischen Kupplung ausgerüstet sind, wurde das System für die automatische Bremsprobe installiert. Dieses wird voraussichtlich im Sommer 2020 mit allen Sicherheitsfunktionen in Betrieb genommen. Das Kollisionswarnsystem auf der Rangierlok besteht aus einer mit visuellen und akustischen Signalen weiterentwickelten Funkfernsteuerung mit Videobildübertragung. Diverse Tests waren erfolgreich, die Serienentwicklung soll 2020 starten.

Zur vollständigen Umsetzung des Ein-Personen-Betriebs wird auch die technische Kontrolle der Güterzüge digitalisiert und damit optimiert. Durch Messanlagen am Gleis und auf den Wagen ist der Zustand der Wagen jederzeit bekannt. Die Ladung wird weiterhin vor Abfahrt durch das Personal kontrolliert.

234 Lokomotiven mit GPS-Trackern
SBB Cargo hat 234 Altbaulokomotiven (Re 420 Re / Re 421 / Re 620) in den letzten Monaten mit GPS-Trackern ausgerüstet. Diese ermöglichen eine Standortbestimmung der Triebfahrzeuge mit einer Abweichung von maximal 5 bis 10 Metern. Weiter können dank GPS operative Abläufe verbessert werden.

Europaweites Novum im Güterverkehr: SBB Cargo startet mit automatischer Kupplung [aktualisiert]

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