Verspätete Züge enden oft vorzeitig!

Wussten Sie, dass immer wieder Züge ihren Zielbahnhof gar nie erreichen? Die Gründe dafür sind vielfältig: Da ist es möglich, dass ein Zug wegen einer Lokstörung auf einem Teil seiner Strecke ausfällt, aber auch eine Bremsstörung, ein technischer Defekt am Zug oder andere Unregelmässigkeiten wie beispielsweise ein Personenunfall können dazu führen.

Von: Marcel Manhart
Wussten Sie, dass immer wieder Züge ihren Zielbahnhof gar nie erreichen? Die Gründe dafür sind vielfältig: Da ist es möglich, dass ein Zug wegen einer Lokstörung auf einem Teil seiner Strecke ausfällt, aber auch eine Bremsstörung, ein technischer Defekt am Zug oder andere Unregelmässigkeiten wie beispielsweise ein Personenunfall können dazu führen.

Es gibt aber auch noch einen ganz anderen Grund, weshalb Züge vorzeitig enden: Ist ein Zug verspätet (und da reichen oft schon 10 oder 15 Minuten!) wird dieser sehr oft nicht mehr bis zu seinem Zielbahnhof geführt. Besonders für Reisende von internationalen Zügen hat dies nebst den erlittenen Verspätungen unangenehme Folgen und erfordert zusätzliches Umsteigen.

…. und leicht verspätete EC-Züge aus Österreich werden in der Schweiz „künstlich“ noch mehr verspätet!
Dies kann hier einmal an einem konkreten Beispiel eines Eurocity-Zuges Wien – Buchs (SG) – Zürich HB – Basel SBB dargestellt werden.

Haben die Eurocity Züge aus Österreich bei der Grenzübergabe in Buchs (SG) auch nur wenige Minuten Verspätung wird daraus bis Zürich HB jeweils eine Verspätung von 30 Minuten. In Sargans werden diese Züge dann aus fahrplantechnischen Gründen (Zitat SBB!) stehen gelassen und hinter den Interregio Chur – Zürich gesetzt. Dies passiert jeweils ganztags, sei es beim EN 466 „Wiener-Walzer“ am Morgen, beim EC 164 „Kaiserin Elisabeth“ am Mittag, beim EC 160 „Vorarlberg“ am Nachmittag oder beim EC 162 „Transalpin“ am Abend.

Um beim konkreten Beispiel zu bleiben nehmen wir den Eurocity 162 „Transalpin“ Wien – Basel vom Mittwoch 30. April 2008:

Planmässig gemäss Kursbuch verkehren die betroffenen Züge wie folgt:

Erklärung:

  • 17(44) Durchfahrtszeit am Bahnhof / Zug hält hier nicht
  • EC162 Eurocity Transalpin Wien-Buchs (SG)-Zürich HB-Basel SBB
  • IC586 Intercity Chur-Zürich HB-Basel SBB
  • 18876 S8 Pfäffikon (SZ)-Zürich HB-Winterthur (-Weinfelden)
    hält an allen Bahnhöfen von Pfäffikon (SZ) bis Zürich HB
  • 18278 S2 Ziegelbrücke-Halt alle Bahnhöfe-Pfäffikon (SZ)-Richterswil-Wädenswil-
    Horgen-Thalwil-Zch Enge-Zch Wiedikon-Zürich HB – weiter nach Effretikon
    Verkehrt ab Ziegelbrücke nur Montag-Freitag

Auch an diesem Tag war der EC 162 von Österreich her leicht verspätet und in Sargans hinter den Interregio Chur – Zürich gesetzt. Da der IR zusätzlich in Ziegelbrücke, Pfäffikon (SZ), Wädenswil und Thalwil hält muss der EC jeweils dahinter warten, bis diese Halte vollzogen sind und erhält bis Zürich eine halbe Stunde Verspätung. Könnte der Eurocity aus Österreich in Sargans jedoch normal zufahren würde seine Verspätung bis Zürich nur noch wenige Minuten betragen und ab Zürich HB (dank des langen planmässigen Aufenthaltes von 16 Minuten (18.20 – 18.36h) mit verkürztem Aufenthalt sogar wieder rechtzeitig weiter nach Basel SBB verkehren.

Dazu die Fahrzeiten am Beispiel 30. April 2008:

Erklärung:

  • Da der EC 162 bis Zürich sowieso ständig dem IR788 aufläuft, wurde die Durchfahrtszeit in Ziegelbrücke noch dadurch verzögert, dass der EC 162 vor dem Einfahrsignal stehen gelassen wurde, bis der Regionalzug 7873 (Ziegelbrücke ab: 18.02h in Richtung Sargans-Chur) abgefahren war. Der Regio fährt in Ziegelbrücke ab Gleis 7 muss aber für die Ausfahrt mangels Weichenverbindungen via Gleis 6 verkehren. Das Gleis 6 ist aber auch das Durchfahrtsgleis für den EC 162 „Transalpin“
  • 18(09) Durchfahrtszeit am Bahnhof / Zug hält hier nicht
  • 17.26 fett gedruckt = verspätet (Fahrzeit am 30.04.2008)
  • EC162 Eurocity Transalpin Wien-Buchs (SG)-Zürich HB-Basel SBB
  • IC586 Intercity Chur-Zürich HB-Basel SBB
  • 18876 S8 Pfäffikon (SZ)-Zürich HB-Winterthur (-Weinfelden)
    hält an allen Bahnhöfen von Pfäffikon (SZ) bis Zürich HB
  • 18278 S2 Ziegelbrücke-Halt alle Bahnhöfe-Pfäffikon (SZ)-Richterswil-Wädenswil-
    Horgen-Thalwil-Zch Enge-Zch Wiedikon-Zürich HB – weiter nach Effretikon
    Verkehrt ab Ziegelbrücke nur Montag-Freitag

Nun stellt sich natürlich die Frage, weshalb eine solche „Strafaktion“ für die EC aus Österreich nötig ist. Die SBB machen fahrplantechnische Gründe geltend. Dies will heissen, dass dadurch die S-Bahnen (S2 und S8) tangiert würden. Als Folge der „schlanken Infrastruktur“ ist es offenbar nicht mehr möglich, dass ein Eurocity-Zug eine S-Bahn überholt! Immerhin unterstehen die Eurocity einem international festgelegten Standard und in einer Broschüre aus früheren Zeiten heisst es sogar noch „Hat Vorrang vor allen anderen Zügen“. Allem Anschein nach wurde dieses Kriterium aber grosszügig gestrichen und selbst die Züge der Zürcher S-Bahn haben da noch Vorrang! Im ÖBB-Kursbuch war auch noch folgendes zu lesen: „Eurocity ist das Markenzeichen für europäische Qualitätszüge. EC führen modernes klimatisiertes Wagenmaterial und bieten in vielen Fällen kürzere Reisezeiten als nationale Qualitätszüge und andere internationale Reisezüge an.
Mit spezieller Pünktlichkeitsüberwachung und erweiterten Serviceleistungen zeichnen sich EC-Züge als das TOP-Angebot m internationalen Verkehr aus. Auf österreichischen Strecken werden Gratiszeitungen und Platzservice in der 1. Klasse angeboten. Regelmässige, internationale Qualitätskontrollen sind selbstverständlich.“

Was sagen da wohl die ÖBB dazu, dass der Zug ab Sargans bei geringer Verspätung noch mehr (unnötig!) verspätet wird? Und wie finden sie es, dass der „stolze Transalpin“ in der Schweiz als Pendlerzug von Zürich nach Basel missbraucht wird und mit Halten in Baden, Brugg, Frick, Stein-Säckingen und Rheinfelden eine Reisezeit von 72 Minuten für diese Strecke aufweist? Direktzüge brauchen dafür übrigens 54 Minuten!

In der Zwischenzeit haben die ÖBB übrigens einen eigenen Eurocity-Standard und eine neue Zugbezeichnung eingeführt: Den ÖBB EuroCity! Auch der EC 162 Transalpin trägt auf dem Abschnitt der Österreichischen Bundesbahn die Bezeichnung ÖBB EC 162!

Definiert wird die Bezeichnung wie folgt: „ Im Fernverkehr ist die Zugkategorie ÖBB EuroCity das Top-Angebot. Neben den bereits vom Eurocity bekannten Qualitätskriterien bietet der ÖBB Eurocity modernisierte Reisezugwagen mit neuem Innendesign und zusätzliche Ausstattungskriterien, wie Stromanschlüsse für Notebooks, einen verbesserten Empfang für Mobiltelefonbenutzer, Damenabteil, grossteils Reisezugwagen mit Rollstuhlstellplätzen oder Ruhebereiche bei ausgewählten Verbindungen. Weiters erhöhen verbesserte Reinigungsstandards und erweiterte Serviceleistungen den Reisekomfort. Zusätzlich verfügt die 1. Klasse des ÖBB EuroCity über eigene Business-Abteile mit vier statt bisher sechs komfortablen Sitzplätzen pro Abteil. Die nächstfolgende Komfortstufe im Fernverkehr mit den kürzestmöglichen Fahrzeiten stellt der EuroCity mit modernem Wagenmaterial dar.

Und gemäss heute gültigem SBB-Kursbuch werden die Eurocity so definiert: „Internationaler Qualitätszug mit klimatisierten Wagen; in der Regel Restaurant. Wartet in der Regel keine verspäteten Anschlusszüge ab.“
Eigentlich ist da nicht mehr viel vom ursprünglich tollen Konzept übriggeblieben. Schade!

Die Meldung der SBB Verkehrsinformation sieht in der Regel so aus:

 

 

 

 

 

 

 

Teilweise wird noch darauf hingewiesen, dass der Zug ab Österreich 15 Minuten verspätet ist und erst bei Ankunft in Zürich 30 Minuten Verspätung hat, wie hier beim EC 164 am 26. März 2008:

Beim Beispiel des EC 164 vom 26. März 2008 ist der Zug um 11.38h in Sargans angekommen. Nach einem Halt von 7 (!) Minuten durfte er um 11.45h weiterfahren, da der Interregio aus Chur (zu dieser Zeit ist dies der EC 6) auch leicht verspätet war (Sargans an: 11.42 / ab: 11.43h). Trotzdem war es anscheinend nicht möglich den EC 164 vorher weiterfahren zu lassen …..!

Aber auch andere verspätete Züge enden vorzeitig:
Da gibt es auch das Beispiel des Eurocity 7 Hamburg-Dortmund-Basel-Zürich-Chur welcher mit 33 Minuten Ankunftsverspätung in Basel SBB um 14.10h angekommen ist und dort endete. Der EC 7 hat einen planmässigen Aufenthalt in Basel von 30 (!) Minuten, aber auch von 12 Minuten in Zürich HB. Der Ersatzzug ist pünktlich um 14.07h in Basel SBB abgefahren, also 3 Minuten vor der Ankunftszeit des Stammzuges aus Deutschland. Die Reisenden aus diesem EC haben so, je nach Destination in der Schweiz, bis zu 60 Minuten (unnötige!) Verspätung erhalten. Hätte der Zug nicht in Basel geendet, sondern wäre er normal weitergefahren hätte er bei Ankunft in Zürich nur wenige Minuten Verspätung gehabt und wäre spätestens bei Abfahrt in Zürich HB wieder rechtzeitig gewesen.

Dann gibt es aber auch den ICE oder den CNL (CityNightLine) aus Deutschland, welcher statt in Basel SBB bereits in Basel Bad Bf endet, den ICE aus Stuttgart welcher in Schaffhausen oder auch schon mal in Bülach (!) endet, den EC aus Brüssel der in Basel endet, und und und ….

Vorzeitig enden jedoch nicht nur internationale Züge, sondern noch viel mehr Züge des Inlandverkehrs, wie die Meldungen der SBB Verkehrsinformationen für die Monate Januar bis April 2008 zeigen. Es lohnt sich einmal einen Blick darauf zu werfen.

In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, wie diese Züge in der SBB Verspätungsstatistik erscheinen und ob sie überhaupt erscheinen. Da leider seitens der SBB keine genaueren Angaben preisgegeben werden darf spekuliert werden, dass Züge welche vorzeitig enden den SBB wohl „nicht ungelegen kommen.“ Denn diese Statistik misst bekanntlich wie viele Züge in % den Zielbahnhof rechtzeitig oder mit der entsprechenden Anzahl Minuten Verspätung erreichen!

Autor: Redaktion

Aus der Bahnonline.ch-Redaktion. Zugesandte Artikel und Medienmitteilungen, welche von der Redaktion geprüft und/oder redigiert wurden.

Schreibe einen Kommentar