Industriedenkmäler: «Es ist höchste Eisenbahn» – Mittelbeschaffung gestartet

Pascal Trollers Job ist die Beschaffung der Finanzen, der Industriehistoriker und Projektleiter Hans-Peter Bärtschi wird die Inventarisierung besorgen: Die Schweizerische Gesellschaft für Technikgeschichte und Industriekultur will auch in der Region Nordostschweiz das Bewusstsein wecken für wertvolle Industriedenkmäler und damit für die Geschichte menschlicher Arbeit. Dafür ist es auch in Schaffhausen höchste Eisenbahn.

Von: Kaspar Praxedis, Schaffhauser AZ (Text) / Peter Pfister (Foto)
Pascal Trollers Job ist die Beschaffung der Finanzen, der Industriehistoriker und Projektleiter Hans-Peter Bärtschi wird die Inventarisierung besorgen: Die Schweizerische Gesellschaft für Technikgeschichte und Industriekultur will auch in der Region Nordostschweiz das Bewusstsein wecken für wertvolle Industriedenkmäler und damit für die Geschichte menschlicher Arbeit. Dafür ist es auch in Schaffhausen höchste Eisenbahn.

Er steht zusammen mit dem Dampflok-Schlosser Urias von Meyenburg vor der mächtigen, frisch restaurierten «Mikado» im Schaffhauser Dampflok-Schuppen und erklärt gleich vor Ort, was Sache ist: Pascal Troller beschafft Geld für ein ganz besonderes Inventar: Im Kanton Bern hat ISIS, die Informationsplattform für schützenswerte Industriekulturgüter der Schweiz, das Inventar beendet, die Internetplattform fertiggestellt und zur Nutzung freigegeben, im Kanton Zürich ist die Finanzierung
sichergestellt, die Feldarbeit hat eben begonnen.

Schaffhauser Startbahnhof
Und nun startet man auch in der Nordostschweiz, wo das Schaffhauser Dampflok-Depot aus der Jahrhundertwende sozusagen Startbahnhof ist und sich prächtig verwenden lässt, um den Sinn der Sache zu erklären. Unterwegs auf Recherche haben Projektleiter Hans-Peter Bärtschi und Pascal Troller nämlich festgestellt, dass selbst eingesessene Schaffhauser keine Ahnung haben, wo der Lokschuppen liegt, der derzeit zwei prachtvolle frisch restaurierte Dampfloks beherbergt. Genau das, sagt Troller, wollen wir ändern: «Wir möchten die Menschen mit Informationen ausstatten und ihnen vor Augen führen, welch spannende Zeugen früheren Arbeitslebens direkt vor ihrer Haustür liegen. Den Behörden und privaten Eigentümern möchten wir ein Instrument in die Hand geben, das die Beurteilung von Objekten erleichtert und im besten Fall zu seriösen Abklärungen führt. Und selbstverständlich besteht die Hoffnung, dass weniger Kostbarkeiten verschwinden. Troller ist überzeugt, dass in fünfzehn Jahren die meisten Industriekulturgüter abgerissen und vergessen sein werden, wenn jetzt nicht ein Bewusstseinsprozess ausgelöst wird. Dabei legt er Wert auf die Feststellung, dass das Inventar nichts mit einer Unterschutzstellung zu tun hat und nicht behördenverpflichtend ist. ISIS ist ein wissenschaftlich aufgebautes Inventar, das Objekte systematisch beschreibt und dadurch Geschichten und Geschichte erzählt von der Art und Weise, wie unsere Vorfahren ihr Brot verdienten, wie erfindungsreich sie waren, welch grosse Sorgfalt sie auf ihr Handwerk verwendeten, welch massive Veränderungen die Industrialisierung im Leben der Menschen bewirkte.

Darstellung im Internet
Damit alle Interessierten Zugang haben, werden die beschriebenen Objekte auf einer leicht zugänglichen Internetplattform allgemeinverständlich dargestellt in Wort und Bild, es erscheint ein begleitendes Buch, es gibt eine Wanderausstellung, und man will neue und sinnvolle Nutzungen anregen für Einheimische und auswärtige Gäste. Es werden aber auch Objekte beschrieben, die heute noch als Arbeitsorte genutzt werden wie beispielsweise der Schaffhauser Lokschuppen, der sich seit mehr als hundert Jahren gegenüber dem Feuerwehrzentrum befindet und offensichtlich so gut getarnt ist, dass kein Mensch mehr von ihm weiss. Dabei dient er heute noch als Restauratorenwerkstatt und Remise für wunderschöne alte Dampfloks, die von hier aus auch Publikumsfahrten unternehmen. Neben dem Gebäude finden sich ausserdem die ursprüngliche, noch immer funktionstüchtige Drehscheibe und ein grosser eiserner Wasserkran, mit dem man damals den Tender gefüllt hat. Alles noch da und der Beschreibung sowie allerschönster Ausfahrten würdig.

Auf Sammeltour
Dass die Sache Geld kostet, versteht sich: Für die ganze Nordostschweiz – also die Kantone Schaffhausen, St. Gallen, Thurgau, beide Appenzell und das Fürstentum Liechtenstein – werden 540‘000 Franken inklusive Eigenleistungen veranschlagt, wovon 450‘000 Franken zu beschaffen sind. Pascal Troller weiss also, was er zu tun hat. Er wird die Kantone, die Gemeinden, private Stiftungen und die Industrie in seine Bemühungen einbeziehen, es sind Briefe zu schreiben, Gespräche zu führen, Dokumentationen an den Mann und an die Frau zu bringen. Die Beschaffung der Mittel soll 2009 abgeschlossen sein, das Inventar von rund tausend Objekten möchten die Initianten bis 2011 realisieren.

Reiche Ernte erhofft
Der Kanton Schaffhausen mit seiner Vergangenheit als Industriekanton verspricht besonders reiche Ernte, das kann Hans-Peter Bärtschi, Industriehistoriker und Geschäftsführer der Schweizerischen Gesellschaft für Technikgeschichte und Industriekultur SGTI, nur bestätigen. Nicht umsonst hat man im Juni die Aktion Nordostschweiz im Schaffhauser Lokdepot gestartet und sie dann aufs Beringer Stellwerk ausgedehnt, das als einzige derartige Anlage noch funktionierende Drahtzüge aufweist. In der Gegend von Schaffhausen und Neuhausen am Rheinfall gibt es, wie Bärtschi sagt, «endlos Beispiele»: Die Portierhäuschen der ehemaligen Alusuisse sind die einzigen Überbleibsel eines der grössten Industriekonzerne der Schweiz. Dass die Bauten von SIG und GF noch heute Bände sprechen, weiss man in Schaffhausen. Aber wer erinnert sich daran, dass das steile Arova-Treppchen einst das Fundament für die Transmissionswelle bildete und gar nicht für Fussgänger gedacht war? Wer kennt die Geschichte der Lohnemer Ziegeleien oder des letzten Bahnhofs der Schlaatemer Bahn, wer weiss, wie genau die Bohnerzgruben in den Schaffhauser Wäldern entstanden sind? Hans-Peter Bärtschi beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Industriekultur und dem Umgang der Gesellschaft mit diesen Zeitzeugen, sein Wissen und seine Erfahrung erlauben ihm vernetztes Denken, gezielte Archiv- und breite Feldarbeit, die er im Kanton Zürich soeben begonnen hat und die ihn – hoffentlich auf ausreichender finanzieller Basis – auch ins denkmalreiche Schaffhausen führen wird.

Adressen – und was dahinter steht

www.sgti.ch
Die Schweizerische Gesellschaft für Technikgeschichte und Industriekultur SGTI unter der Geschäftsleitung des Industriearchäologen Hans-Peter Bärtschi fördert das Verständnis für Zusammenhänge der Industriegeschichte und unterstützt kopnkret die Erhaltung von wertvollen Industriedenkmälern in den Regionen der Schweiz.
Sie ist im Jahre 1983 aus einer Gruppe engagierter Ingenieure entstanden und zählt heute rund 400 Mitglieder. Eine der Hauptaktivitäten ist die oben beschriebene Inventarisierung von Industriekulturgütern, die auf einer Internetplattform zugänglich gemacht wird.

www.industrie-kultur.ch
ISIS ist die Informationsplattform der SGTI für schützenswerte Industriekulturgüter der Schweiz. Die Bestandesaufnahme von bis anhin 3150 Listenobjekten beruht auf Umfragen bei Gemeinden und Denkmalpflegen sowie eigenen Recherchen. Für den Kanton Bern ist das Inventar fertiggestellt, im Kanton Zürich ist die Finanzierung abgeschlossen, die Feldarbeit beginnt derzeit. In den Kantonen der Nordostschweiz ist die Finanzierung angelaufen, weitere Regionen werden einbezogen. Die Plattform beschreibt die einzelnen Objekte systematisch in Wort und Bild und ist für alle Interessierten unentgeltlich zugänglich.

kulturgut@pascaltroller.ch
Pascal Troller verantwortet als Partner des Industriehistorikers und Projektleiters Hans-Peter Bärtschi aus Winterthur die Finanzierung des Nordostschweizer Inventars. Es werden die Kantone, Gemeinden, aber auch Stiftungen und Private um Beiträge gebeten. Das Inventar, das vom Schweizer Heimatschutz mitgetragen wird, ist eine private Initiative und löst keine Unterschutzstellung aus.

Autor: Redaktion

Aus der Bahnonline.ch-Redaktion. Zugesandte Artikel und Medienmitteilungen, welche von der Redaktion geprüft und/oder redigiert wurden.

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