Bahnunfall vom 17. Mai 2006 in Thun Dürrenast – Es wird zu keiner Strafverfolgung kommen

Zwei Jahre nach dem Bahnunfall in Thun, bei dem drei Personen ihr Leben verloren, sind die umfangreichen Untersuchungen abgeschlossen worden. Das Untersuchungsrichteramt IV Berner Oberland und der Staatsanwalt des Oberlandes kommen zum Schluss, dass keine Strafverfolgung zu eröffnen sei.

pkb. Zwei Jahre nach dem Bahnunfall in Thun, bei dem drei Personen ihr Leben verloren, sind die umfangreichen Untersuchungen abgeschlossen worden. Das Untersuchungsrichteramt IV Berner Oberland und der Staatsanwalt des Oberlandes kommen zum Schluss, dass keine Strafverfolgung zu eröffnen sei.

Am Mittwoch, 17. Mai 2006 um etwa 03:20 Uhr kollidierte im Bereich der Station Dürrenast ein von Frutigen herkommender Bauzug mit zwei stehenden Wagons. Darauf prallten die beiden Wagons zusammen mit dem Bauzug im Bereich der Bahnüberführung Frutigenstrasse in einen sich dort befindenden zweiten Bauzug. Bei den Kollisionen erlitten die beiden Lokomotivführer des Bauzugs sowie ein Arbeiter einer privaten Gleisbaufirma, der sich im Wagen hinter dem Schienentraktor aufgehalten hatte, tödliche Verletzungen. Die Arbeiter, die an der Strecke mit dem Erstellen von Lärmschutzwänden beschäftigt waren, hatten sich alle rechtzeitig in Sicherheit bringen können. Der von Frutigen herkommende Bauzug, der aus einem Schienentraktor und fünf Wagen bestand, war ungebremst über Spiez nach Thun gefahren, wo es zur Kollision kam. Beim Unfall entstand ein Sachschaden von rund 4,9 Millionen Franken.

Mit Beschluss des Untersuchungsrichteramtes IV Berner Oberland und des Staatsanwaltes des Oberlandes, in den auch der Bericht der Unfalluntersuchungsstelle Bahnen und Schiffe (UUS) des UVEK eingeflossen ist, wird keine Strafverfolgung eröffnet, dies mit folgender Begründung:

Bremsen/Bremsprobe: Aufgrund der Untersuchungen stellte die UUS fest, dass der Unfall darauf zurückzuführen ist, dass in Frutigen einerseits die Kupplungshahnen der Hauptluftleitung zwischen dem Schienentraktor und dem ersten Wagen geschlossen waren und andererseits die vorgeschriebene Bremsprobe nicht korrekt durchgeführt worden sein musste. Es ist davon auszugehen, dass die Kupplungshahnen nach einem im Bahnhof Frutigen durchgeführten Rangiermanöver nicht wieder geöffnet worden sind. Damit konnte auf die Bremsen der Wagen hinter dem Schienentraktor keine Bremsleistung mehr erzeugt werden. Alleine mit der Bremsleistung des Schienentraktors konnte der Zug jedoch nicht gebremst werden, das haben die durchgeführten Rekonstruktionsfahrten ergeben. Zudem waren die Hauptluftleitungen zwischen dem Wagen zwei und drei getrennt, wobei die Absperrhahnen geöffnet waren. Wäre die vorgeschriebene Bremsprobe korrekt durchgeführt worden, hätten diese Fehler bemerkt werden müssen. Aufgrund des Funkverkehrs ist geklärt, dass einer der beiden Lokomotivführer zwar bestätigt hat, die Bremsprobe vorgenommen zu haben. Es muss jedoch davon ausgegangen werden, dass er die Bremsprobe nicht entsprechend den Fahrdienstvorschriften ausgeführt hat. Zusammen mit den Versäumnissen bezüglich der Kupplungshahnen und der nicht angeschlossenen Hauptluftleitungen ergab sich damit eine fatale Kombination, welche dazu führte, dass die Zugskomposition nicht mehr gebremst werden konnte. Zwar wäre nach der Abfahrt in Frutigen sofort eine Wirkungsbremsprobe vorzunehmen gewesen. Ob diese erfolgt ist, kann im Nachhinein nicht mehr festgestellt werden, da die Geschwindigkeitsmesseinrichtung nur die letzten 3900 zurückgelegten Meter festhält. Da die beiden Lokomotivführer bei der Kollision verstorben sind, wird bezüglich der durch sie begangenen Fehler kein Strafverfahren eingeleitet.

Arbeitszeiten: Nachdem bekannt geworden war, dass die vorgeschriebenen Arbeitszeiten bei einem der beiden Lokführer nicht eingehalten wurden, hat das Bundesamt für Verkehr eine Anzeige gegen die verantwortlichen Personen der BLS eingereicht. Diese Verfahren werden nächstens abgeschlossen.

Im Zusammenhang mit dem Zugunfall galt es zu prüfen, ob aus der Tatsache, dass die Mindestruhezeit nicht eingehalten wurde, geschlossen werden kann, der Eintritt eines tödlichen Unfalls hätte in groben Zügen vorausgesehen werden können.

Auch in diesem Punkt wird keine Strafverfolgung wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet. Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass die Bremsprobe deshalb nicht korrekt ausgeführt worden ist, weil beim Lokführer die Mindestruhezeit nicht eingehalten wurde. Die Abklärungen des Bundesamtes für Verkehr haben ergeben, dass die Arbeitszeiten sehr häufig nicht eingehalten worden sind. Der Unfallverlauf hat nicht vorausgesehen werden können, denn der Unfall ist nicht nur auf den Fehler des Lokomotivführers zurückzuführen. Dazu kommt, dass beim Zusammenstellen des Zuges Fehler begangen wurden (Kupplungshahn der Hauptleitung geschlossen) und dass aufgrund von Baustellen an den Bahnstrecken im Simmental und vor Thun eine aussergewöhnliche Situation vorlag, bei welcher keine Möglichkeit bestand, einen nicht mehr bremsbaren Zug auf einer Strecke ohne Hindernisse auslaufen zu lassen.

Entscheidung im Stellwerk Spiez: Die Untersuchungen haben keine Hinweise darauf ergeben, dass die Fahrdienstleiter im Stellwerk Spiez Handlungsalternativen mit einer realistischen Chance auf das Stoppen des Zuges hatten. Der Umstand, dass sowohl in Richtung Simmental als auch in Thun Baustellen bestanden, engte die Möglichkeiten, den Bauzug auslaufen zu lassen, ein. Die übrigen Ausweichstellen, welche in Erwägung gezogen wurden, wurden mit guten Gründen verworfen (Weichen, welche nur mit 40 km/h befahren werden können, Gefahr, dass der Zug in ein Wohnhaus fährt oder auf eine Strasse stürzt, womit weitere Rechtsgüter gefährdet gewesen wären). Gestützt auf den Bericht der UUS wird im Beschluss festgehalten, dass die Fahrdienstleiter aufgrund ihrer Kenntnisse und der Vorschriften zweckmässig gehandelt haben. Sie hätten in der kurzen und hektischen Zeit die bestmögliche Lösung in einer aussichtslosen Situation gesucht.

Im Sinn der Notstandshilfe ist das Verhalten der Fahrdienstleitung in Spiez straffrei, da sie zur Abwehr der konkreten Gefährdung beim Weiterfahren des Zuges den ungebremsten Zug mit einem Hindernis – die Materialwagen beim Bahnhof Dürrenast – kollidieren liessen. Dabei konnten die Arbeiter der Baustellen Dürrenast und Frutigenstrasse vorher zeitgerecht gewarnt werden.


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Medienmitteilung Kantonspolizei Bern, Untersuchungsrichteramt IV Berner Oberland / UUS (Foto/Grafik)

Autor: Redaktion

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