Zeitgedächtnis bewahren – Projekt Isis soll die Industrie- und Technikgeschichte in der Nordostschweiz (wieder) sichtbar machen

Hans-Peter Bärtschi will den Ostschweizern die Augen öffnen für die schönen und hässlichen Aspekte des produktiven Schaffens und des Transports unserer täglichen Güter.

Von: Christoph Zweili (Text) / Ralph Ribi (Foto)
Hans-Peter Bärtschi will den Ostschweizern die Augen öffnen für die schönen und hässlichen Aspekte des produktiven Schaffens und des Transports unserer täglichen Güter.

Die Industrialisierung hat unser Leben wie kein anderes Zeitalter geprägt. Der 58jährigeHans-Peter Bärtschi zeichnet ihre Schübe nach und dokumentiert sie, überall auf der Welt – von der Textilindustrie in der Schweiz über die Spuren frühesten Bergbaus auf dem Balkan bis zur russischen Industriekultur im Uralgebirge, in den Palästen und Städten des Orients, der Tropengebiete oder in Ozeanien.

Das erworbene Wissen will Bärtschi weitergeben: «Ich will die Leute wieder für die Technik begeistern. »Mit der privat finanzierten Internet-Plattform Isis (Informations-Plattform für schützenswerte Industriekulturgüter der Schweiz) macht der Winterthurer seit vier Jahren Bund, Kantone und Gemeinden auf schützenswerte Zeugen der Industriekultur in der Schweiz aufmerksam. Oft stehen diese Objekte leer, sind verlassen oder zum Abriss bestimmt. «Wir müssen sie aber jetzt retten und restaurieren, als Erinnerung für künftige Generationen. Sonst ist es zu spät.» «Herkunft hat Zukunft»: Hinter Bärtschis verknappter Formel verbirgt sich die Suche nach den Produktionsgrundlagen des Industriezeitalters und ihres Transports zum Menschen.

St.Galler Industriekultur
Wir treffen Hans-PeterBärtschi zusammen mit Pascal Troller, verantwortlich für die «Isis»-Finanzierung, beim Tröckneturm – dem Wahrzeichen aus der Blütezeit der St.Galler Textilindustrie schlechthin. Die Geschichten rund um die Pionierrolle des grössten OstschweizerKantons – die mechanische Spinnerei im Klosterum1800 etwa war die erste Fabrik in der Schweiz –, über die Verarbeitung der Textilstoffe bis zum Zusammenbruch der Textilindustrie im Ersten Weltkrieg wirken im Angesicht des hochgewachsenen Zeitzeugen im Schönenwegen-Quartier noch imposanter. «Gelänge es, die Schulen mittels der von der Schweizerischen Gesellschaft für Technikgeschichte und Industriekultur und dem Heimatschutz getragenen Datenbank für die industrielle Vergangenheit zu sensibilisieren, so wäre viel gewonnen», glaubt Bärtschi.

Industriekultur-Güter als Objekte Voller Geschichten und Erinnerungen: Der «Isis»-Projektleiter hofft, in der Region nebst dem pädagogischen Interesse auch ein touristisches wecken zu können. Schrittweise will Bärtschi sein Projekt in der ganzen Schweiz umsetzen. Der Kanton Bern ist bereits erschlossen, die Aufarbeitung im Kanton Zürich finanziert.

Auch in der Nordostschweiz kann im Herbst 2009 mit der Inventarisierung in den Kantonen St.Gallen, Thurgau, Appenzell-Ausserrhoden, Appenzell-Innerrhoden und Schaffhausen sowie dem Fürstentum Liechtenstein begonnen werden. Dafür braucht es die nötigen Finanzmittel, für den Zürcher Pascal Troller kein leichter Job: Im ersten Anlauf hält sich Das Ostschweizer Engagement für die Industriekultur in Grenzen. 260 Gesuche hat Troller an die Gemeinden gerichtet, 160 sind noch nicht einmal beantwortet: «Mit 23000 Franken in der Kasse ist der Anschub des Projekts aber bei weitem nicht finanziert», sagt Troller.

545000 Franken aufbringen
Das Budget rechnet mit 545000 Franken, 90000 Franken will Bärtschi als Eigenleistung erbringen. Das restliche Geld soll über Kantone und Gemeinden zusammenkommen – 240000 Franken für die Inventarisierung der rund 1000 Objekte in der Nordostschweiz, 100000 Franken für die Internetseite und eine Wanderausstellung und 100000 Franken für einen gedruckten Führer mit noch 333 ausgewählten Objekten. Hans-Peter Bärtschi vertraut auf das kulturelle Bewusstsein der Ostschweiz: «Bedenklich wird es erst, wenn die Kantone und die grossen Städte absagen.»


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  • Gutachter und Finanzchef
    Hans-Peter Bärtschi, der in Winterthur seit 1979 ein Büro für Industriekultur betreibt, macht sich um die Förderung von Industriekultur-Projekten wie der Nagelfabrik Winterthur, Lokremise Uster oder der Mühle Tiefenbrunnen verdient. In der Ostschweiz zeichnet Bärtschi unter anderem für Gutachten für das Bahnhofareal und die Lokremise St.Gallen, die Textilfabrik-Areale Sittertal, Heberlein Wattwil oder die Altlasten-Abklärung für das Schwarze Haus in Herisau verantwortlich. Pascal Troller war für die Isis-Finanzierung in den Kantonen Bern und Zürich verantwortlich, für die Nagelfabrik Winterthur und die SOB-Dampflokomotive Schwyz, an der sich auch der Kanton St.Gallen beteiligt hat.

Autor: Redaktion

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