Nicht belastbare Garantien der Hersteller: DB gezwungen, ICE-T-Flotte vorübergehend aus dem Verkehr zu ziehen – Verbindung Stuttgart – Zürich betroffen

Die Deutsche Bahn wird den seit Samstag (25.10.08) gültigen Ersatzfahrplan auf den vier ICE-T-Linien voraussichtlich bis Mitte November 08 weiter fortsetzen. Die Einschränkungen für die Fahrgäste reduzieren sich jedoch kontinuierlich durch die täglich steigende Zahl von überprüften ICE-T-Fahrzeugen. Zurzeit sind zwei Drittel der betroffenen Zugfahrten durch IC-Ersatzzüge oder wieder einsetzbare ICE-T-Fahrzeugen bei teilweise reduziertem Platzangebot abgedeckt. Rund 90 Prozent der gesamten ICE- und IC-Fernverkehrsflotte verkehrt dagegen planmässig.

erstellt am 24. Oktober 2008

Die Deutsche Bahn wird den seit Samstag (25.10.08) gültigen Ersatzfahrplan auf den vier ICE-T-Linien voraussichtlich bis Mitte November 08 – eventuell sogar bis Weihnachten – weiter fortsetzen. Die Einschränkungen für die Fahrgäste reduzieren sich jedoch kontinuierlich durch die täglich steigende Zahl von überprüften ICE-T-Fahrzeugen. Zurzeit sind zwei Drittel der betroffenen Zugfahrten durch IC-Ersatzzüge oder wieder einsetzbare ICE-T-Fahrzeugen bei teilweise reduziertem Platzangebot abgedeckt. Rund 90 Prozent der gesamten ICE- und IC-Fernverkehrsflotte verkehrt dagegen planmässig.

Der nur für die folgenden vier Linien aufgestellte Ersatzfahrplan wird bis auf weiteres fortgesetzt und mit den zwischenzeitlichen Verbesserungen der Fahrzeugverfügbarkeit täglich aktualisiert:

  • Linie Hamburg – Berlin – Leipzig – München
  • Linie Wiesbaden – Frankfurt – Leipzig – Dresden
  • Linie Stuttgart – Singen – Zürich
  • Linie Dortmund – Koblenz – Mainz – Frankfurt – Nürnberg – Passau – Wien

„Wir sind mit dieser Situation alles andere als glücklich, sehen jedoch aufgrund der nicht belastbaren Garantien der Industrie für den sicheren Einsatz der ICE-T-Fahrzeuge keine Alternative dazu“, betont Dr. Karl-Friedrich Rausch, Vorstand Personenverkehr der Deutschen Bahn. „Unsere Mitarbeiter in den Zügen, auf den Bahnhöfen, in den Werkstätten und in der Einsatzzentrale geben ihr Bestes, die bedauerlichen Beeinträchtigungen für die Fahrgäste so gering wie möglich zu halten.“

Die DB hatte sich am vergangenen Freitag aufgrund nicht belastbarer Garantien des Herstellerkonsortium Siemens, Alstom und Bombardier für den sicheren Einsatz der ICE-T-Fahrzeuge dazu entschlossen, die Züge zu zusätzlichen technischen Überprüfungen aus dem Betrieb zu nehmen.

HzL mit ICE-Ersatzzug
Auf der Gäubahn, zwischen Stuttgart und Singen (Hohentwiel), kommen als ICE T-Ersatz 3-teilige Regio-Shuttle RS1 der HzL zum Einsatz. In Singen besteht jeweils Anschluss an einen SBB EW II-Pendelzug, dieser verkehrt als Ersatzzug zwischen Zürich und Singen.

Laut Sichtungen hat die DB, am letzten Wochenende, für Ersatzzüge im Innnerdeutschen Verkehr auch SBB-Rollmaterial eingesetzt.

Neu Stellungnahme von PRO BAHN – Baden-Württemberg:
Die Krise als Chance sehen – Reservekapazitäten auf der Gäubahn erforderlich – PRO BAHN fordert dauerhafte Qualitätsverbesserungen auf der Gäubahn

(pb) Das derzeitige Elend mit dem ICE-T, der in Baden-Württemberg auf der Strecke Stuttgart-Zürich (Gäubahn) unterwegs ist, sollte auch als Chance gesehen werden. Ein vergleichbares Desaster mit den VT-611-Zügen vor zwei Jahren führte nämlich zu erfolgreichen Änderungen des betroffenen Fahrplankonzepts.

Ausfall Neigetechnik mindestens bis Mai 2009
Nach aktuellen Informationen bleibt die aktive Neigetechnik in den ICE-T-Zügen der Deutschen Bahn mindestens bis Mai nächsten Jahres abgeschaltet. Bei einem so langen Zeitraum kann sich die DB nicht einfach so durchmogeln, sondern muss stabile Ersatzlösungen schaffen.

Das grosse Problem auf der Gäubahn ist, dass man mit den drei Fahrzeugen, die derzeit zwischen Zürich und Stuttgart pendeln, mit verlängerten Fahrzeiten nicht mehr hinkommt. „Der Fahrplan auf dieser Strecke ist eine recht filigrane Konstruktion“, so Stefan Buhl, Vorsitzender des PRO-BAHN-Landesverbands Baden-Württemberg. In Zürich und Stuttgart müssen die Züge fast minutengenau in den engen Takt der S-Bahnen eingepasst werden; unterwegs müssen Anschlüsse erreicht und wegen der Eingleisigkeit auf weiten Teilen auch Gegenzüge berücksichtigt werden. Erreichen die Züge aus Zürich nur wenige Minuten zu spät Herrenberg, verzögert sich die Ankunft in Stuttgart regelmässig fast um eine Viertelstunde, weil die S-Bahn das Gleis belegt. Entsprechendes gilt für die Gegenrichtung.

Erfreulich oft gelingt es den Lokführern, auch ohne Neigetechnik den Fahrplan weitestgehend einzuhalten und die meisten Anschlüsse zu erreichen. Verlässlich ist das aber nicht, weil dazu alles, was der Fahrplan an Reserven hergibt, ausgenutzt wird.

Vielversprechende Verbesserungen in Aussicht gestellt
Zur Stabilisierung des Fahrplans soll zukünftig möglichst ein zusätzlicher ICE in Stuttgart bereitgestellt werden. Damit können verspätete Kurzwenden (dann hat der aus Zürich kommende ICE nur wenige Minuten Zeit, um am selben Gleis zur Rückfahrt zu starten) übersprungen werden, um mit dem Gegenzug pünktlich abfahren zu können. „Wenn das so funktioniert, ist aus unserer Sicht schon viel gewonnen“, so Buhl. „Besonders die regelmässigen Anschlussverluste in Rottweil Richtung Villingen/Donaueschingen/Neustadt haben schon zu deutlichen Fahrgastabwanderungen geführt“. Dieser Anschluss soll zukünftig auch abgewartet werden, wenn es sich noch irgendwie vertreten lässt.

Grundsätzliche Fehlentwicklungen im Fernverkehr
Die Probleme mit den ICE-Achsen lassen ein grundlegendes Problem im Fernverkehr der Deutschen Bahn deutlich werden: Die Reservekapazitäten sind viel zu gering oder oft gar nicht vorhanden. Auf der Gäubahnstrecke führt dies sogar dazu, dass ein Ersatzfahrplan, der die verlängerten Fahrzeiten durch den Ausfall der Neigetechnik berücksichtigt, nicht aufgestellt werden kann. Mit einem realistischen gerechneten Fahrplan würde eine weitere Fahrzeuggarnitur benötigt, weil die sogenannte Kurzwende in Stuttgart (Ankunft zur Minute 56, Abfahrt in die Gegenrichtung zur Minute 04) ohne Neigetechnik nicht zuverlässig durchführbar ist.

Um börsenfähig zu werden und den Unternehmenswert zu steigern, ist die Bahn zu hoher Effizienz gezwungen. „Offensichtlich ist man über das Ziel hinausgeschossen“, so Buhl. „Für die Probleme an den Achsen kann man nach derzeitigem Kenntnisstand wohl niemanden direkt verantwortlich machen. Die übertrieben knappe Bemessung der Kapazitäten macht die Lage nun aber schlimmer, als es bei einem moderaten Sparkurs gewesen wäre.“ Den Unternehmenswert steigern die Einschränkungen im ICE-Verkehr so nun nicht gerade.

Dauerhafte Verbesserungen gefordert
Die Gäubahn leidet zum Einen unter einem für den Fernverkehr aussergewöhnlich kurzen Laufweg, der viele Reisende zum ungeliebten Umsteigen zwingt. Zum Anderen sind die Züge geographisch von ihrer Werkstatt in Frankfurt abgeschnitten. Planmässig kommt jeder Zug alle drei Tage für jeweils drei Stunden in die Werkstatt, was für grössere Wartungen zu knapp bemessen ist. Ausserplanmäßige Wartungsarbeiten sind nur mit grossem Aufwand und der Gefahr von Zugausfällen auf der Gäubahn möglich.

Kurzfristig muss sichergestellt sein, dass durch Vorhalten eines neigetechnikfähigen Zugs das Angebot zuverlässig gefahren werden kann.

Mittelfristig müssen weitere Fahrzeuge mit Schweizer Ausrüstung ausgestattet werden, um Durchbindungen in weitere Linien zu schaffen. Eine Weiterführung über Stuttgart hinaus nach Frankfurt oder Nürnberg könnte die Linie nach Überzeugung des Fahrgastverbands PRO BAHN deutlich aufwerten und mit besserer Auslastung wieder wirtschaftlicher machen.

PRO BAHN sieht die Krise auch als Chance. Die Bereitstellung eines vierten ICE-Ts zur Überspringung verspäteter Kurzwenden kann den Fahrplan spürbar verbessern und helfen, abgewanderte Kunden wiederzugewinnen. Diese Massnahme sollte unbedingt dauerhaft beibehalten werden, auch, um mehr Zeit für Wartungsarbeiten zu gewinnen.

Weiterhin bietet sich die Gelegenheit, den Laufweg des ICEs zu überdenken. Durchbindungen nach Frankfurt oder Nürnberg machen den Zug auch für die vielen Menschen attraktiv, die sich vor Umsteigevorgängen scheuen.

Auf der IRE-Linie Basel-Friedrichshafen-Ulm/Lindau wurde die Linienführung nach einem längerfristigen Ausfall der Neigetechnik so erfolgreich geändert, dass das neue Konzept auch heute noch, nach Wiederinbetriebnahme der Neigetechnik, zum allseitigen Vorteil beibehalten wurde. Dort haben sich die vorübergehende Einschränkungen letztlich als segensreich erwiesen. Vielleicht gelingt Ähnliches mit dem Fernverkehr auf der Gäubahn, um diesem zu neuer Blüte zu verhelfen.


Mehr zum Thema:

  • Informationen zu Ersatzfahrplänen für die Kunden im Personenverkehr gibt es ab sofort im Internet auf www.bahn.de/aktuell. Nutzer eines WAP-fähigen Mobiltelefons können aktuelle Reiseinformationen über http://mobile.bahn.de/ris abrufen. Kunden aus der Schweiz werden auch via SBB-Webseite www.sbb.ch/166 informiert.
  • Für telefonische Informationen wird rund um die Uhr eine kostenlose Service-Hotline unter 08000 99 66 33 geschaltet; Kunden aus dem Ausland können sich telefonisch bei der Service-Hotline       +49 1805 33 44 44       informieren (Gebühren je nach Herkunftsland und Provider).
  • Für Fahrgäste, die von den Beeinträchtigungen im ICE-Verkehr betroffen sind, gelten folgende erweiterte Kulanz-Regelungen: Wer seine Reise nicht antreten konnte, kann die Fahrkarte bis 30. November 2008 kostenlos umtauschen oder erstatten lassen. DB Zeitkarten werden anteilig erstattet.
  • Reservierungen, die nicht genutzt werden können, werden ebenfalls kostenlos erstattet. Wenn anstelle eines ICE mit einem Intercity gefahren werden musste, wird der Differenzbetrag ausgezahlt.
  • Bei Angeboten wie den Sparpreisen, dem Dauer-Spezial oder bei Gruppenfahrten wird die Zugbindung aufgehoben, wenn Fahrgäste den gebuchten Zug nicht nutzen konnten.
  • eurailpress.de – ICE T-Wellenuntersuchung dauert bis Februar
  • eurailpress.de – Zweite ICE T-Achse mit Problemen
  • Bahnbilder von Reinhard Reiss (Foto vom Ersatzverkehr auf der Gäubahn unter News, „Bild der Woche“)
  • KN-NEWS – Singen: Verspätungen im ICE-Verkehr (mit Video)
  • Tages Anzeiger – Deutsche ICE-T-Züge fahren vorerst nicht mehr (mit Foto)

Deutsche Bahn AG / Sandro Hartmeier / PRO BAHN – Landesverband Baden-Württemberg e. V.

Autor: Redaktion

Aus der Bahnonline.ch-Redaktion. Zugesandte Artikel und Medienmitteilungen, welche von der Redaktion geprüft und/oder redigiert wurden.

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