Dumpingversuch mit Lokführern im Güterverkehr: Crossrail plant skandalöse Lohndrückerei mit Grenzgängern

Das Güterverkehrsunternehmen Crossrail will in der Schweiz Lokführer zu Dumpinglöhnen anstellen. Es versucht, italienische Grenzgänger in Brig mit Löhnen zu beschäftigen, die rund einen Drittel unter dem Schweizer Niveau sind. Die Gewerkschaft SEV fordert Crossrail zur sofortigen Aufnahme von GAV-Verhandlungen auf; andernfalls muss das Bundesamt für Verkehr dem Unternehmen den Netzzugang verweigern.

erstellt am 01. April 2014 @ 09:43 Uhr
SEV / VSLF, Newsletter Nr. 439, 3. April 2014 HG/PA/AJ
Das Güterverkehrsunternehmen Crossrail will in der Schweiz Lokführer zu Dumpinglöhnen anstellen. Es versucht, italienische Grenzgänger in Brig mit Löhnen zu beschäftigen, die rund einen Drittel unter dem Schweizer Niveau sind. Die Gewerkschaft SEV fordert Crossrail zur sofortigen Aufnahme von GAV-Verhandlungen auf; andernfalls muss das Bundesamt für Verkehr dem Unternehmen den Netzzugang verweigern.

Dieser Vorgang ist in der Schweiz einmalig. Das Güterverkehrsunternehmen Crossrail mit Sitz in Muttenz will heute in Brig ein Lokführerdepot eröffnen. Das Personal soll aus der italienischen Tochterunternehmung Crossrail Italy Srl in Domodossola zum Mutterhaus verlagert werden. Die angebotenen Löhne sind skandalös: Während der Ausbildung will Crossrail 3100 Franken im Monat bezahlen (alle Löhne x13), danach 3350 Franken. Der Köder: Diese Löhne sind ca 20 bis 25 Prozent höher als in Italien. Aber: Sie liegen rund einen Drittel unter den tiefsten Löhnen, die in der Schweiz für Lokführer allgemein üblich sind. «Das ist ein doppelter Skandal: Crossrail will die Leute aus dem italienischen GAV mit dem starken Kündigungsschutz herauslocken und dies mit Dumping-Löhnen, die ausser jeder Diskussion sind», stellt Giorgio Tuti fest, Präsident der Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV.

Zum Vergleich: Der Einstiegslohn eines Lokführers bei der SBB liegt bei 5358 Franken im Monat, bei der BLS bei 5780 Franken. Der SEV ist von den betroffenen Crossrail-Lokführern mit der Wahrung ihrer Interessen betraut worden. «Wir fordern Crossrail ultimativ auf, umgehend mit uns Verhandlungen über einen Gesamtarbeitsvertrag mit branchenüblichen Löhnen aufzunehmen», stellt Tuti klar. Branchenübliche Löhne sind eine zwingende Voraussetzung für den Netzzugang in der Schweiz (Artikel 8d des Eisenbahngesetzes).

Erst gestern hat das Bundesamt für Verkehr den branchenüblichen Einstiegslohn für Buschauffeure bekanntgegeben: Dieser liegt bei 4485 Franken. Er basiert auf den Gesamtarbeitsverträgen, die der SEV in der Busbranche abgeschlossen hat. Es besteht also kein Zweifel, dass das BAV die Crossrail-Löhne nicht akzeptieren kann, zumal die Lokführer-Ausbildung deutlich anspruchsvoller ist, Fremdsprachenkenntnisse erforderlich sind und die bestehenden Gesamtarbeitsverträge eine klar Sprache sprechen.

Die betroffenen Lokführer sind zurzeit noch bei Crossrail Italy unter Vertrag und gemäss italienischem Recht kaum kündbar. Der SEV hat ihnen geraten, den neuen Einzelarbeitsvertrag nicht zu unterschreiben. Die Lokführer, die bisher in Italien von der Gewerkschaft UIL vertreten werden, unterstützen die Forderung des SEV: Keine Unterschrift ohne Gesamtarbeitsvertrag.

«In der Schweiz müssen Schweizer Löhne bezahlt werden; das ist ein Grundsatz, der nicht verhandelbar ist», führt Tuti aus und ergänzt: «Hungerlöhne für Lokführer sind ein Skandal; das lassen wir uns nicht gefallen.» Der SEV betreut die betroffenen Lokführer mit engen Kontakten und hat noch für diese Woche eine nächste Versammlung einberufen.


Update Stellungnahme VSLF:
Dumpinglöhne bei Crossrail

Am Dienstag, 1. April 2014 wurde in den Medien bekannt gegeben, dass die Crossrail AG in Brig 70 italienische Lokführer anstellen möchte. Die Löhne sind mit Fr 3’350 ca. 31-37% unter den Anstellungslöhnen bei der SBB und 42% unter denen der BLS AG.

Dies ist Lohndumping in Reinkultur, welches Signalwirkung auf die Transitbranche und letztlich alle Lokführer haben könnte. Die Problematik der Grenzgänger zeigt sich darin, dass der bisherige Lohn für die italienischen Kollegen ca. 2’200 € beträgt.

Das Eisenbahngesetzt EBG hält unter Art. 8d fest, dass mit der Erteilung der Netzzugangsbewilligung die arbeitsrechtlichen Vorschriften und die Arbeitsbedingungen der Branche einzuhalten sind. Diese werden mit dem Lohnangebot der Crossrail klar verletzt und das Bundesamt für Verkehr BAV ist zum Handeln aufgefordert. Dies Insbesondere, da das BAV auf den 1. April 2014 in einer Richtlinie die branchenüblichen Arbeitsbedingungen für Bus-Chauffeure neu definierte, welche den Einstiegslohn bei Fr 58’300 pro Jahr festgelegt hat. Eine solche Richtlinie der branchenüblichen Arbeitsbedingungen für das Lokpersonal in der Schweiz wurde bisher nicht erstellt.

Da die betroffenen italienischen Kollegen bei Crossrail Italia offenbar bereits die Zulassung für das Schweizer Streckennetz besitzen (Domodossola – Brig, Chiasso – Bellinzona), muss davon ausgegangen werden, dass das Ziel neben dem neuen Tiefstlohn für Lokführer in der Schweiz auch das einmännigen Führen von Zügen in Italien selber beinhaltet.

Der Fall Crossrail zeigt explizit den Druck auf die Anstellungsbedingungen des Lokpersonals im Transitverkehr, da ein grosser Teil der Leistung auch vom benachbarten Ausland heraus abgedeckt werden kann. Durch das Aufrechterhalten der Anforderungen an das Lokpersonal mittels verbindlicher Vorgaben und Überprüfung derselben kann die Qualität des Bahnverkehrs gestärkt werden und der Arbeitsmarkt auf einem hohen Niveau erhalten werden.

Vor einem Monat wurde mit SBB Cargo International eine Vereinbarung unterzeichnet, welche regelt, dass die Kilometer-Leistungen des Lokpersonals im jeweiligen Ausland zu je 50% im Ausgleich erfolgen. Diese Vereinbarung hat Europaweit Vorbild-Charakter.

Der VSLF verlangt Gespräche mit Crossrail und dem BAV, um unsere Forderungen zu Platzieren.

Autor: Redaktion

Aus der Bahnonline.ch-Redaktion. Zugesandte Artikel und Medienmitteilungen, welche von der Redaktion geprüft und/oder redigiert wurden.

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