VöV: Moderate Preisanpassungen im öffentlichen Verkehr – Tarife werden linear um 2,9 Prozent erhöht

Der Ausbau und die Modernisierung des regionalen Personenverkehrs führen 2015 im öffentlichen Verkehr zu einem prognostizierten Fehlbetrag von 90 Millionen Franken. Diese so genannte Abgeltungslücke können die Transportunternehmen nur teilweise mit Effizienzsteigerungen wettmachen. Deshalb hat die öV-Branche beschlossen, nach zwei Jahren die Tarife per Fahrplanwechsel im Dezember 2014 moderat anzupassen. Die Tariferhöhung beträgt 2,9 Prozent und erfolgt linear über alle Billette und Abonnemente.

erstellt am 02. Mai 2014 @ 10:26 Uhr
Verband öffentlicher Verkehr / SBB CFF FFS / Pro Bahn Schweiz / VCS Verkehrs-Club der Schweiz / IGöV Schweiz
Preise OeV 2015Der Ausbau und die Modernisierung des regionalen Personenverkehrs führen 2015 im öffentlichen Verkehr zu einem prognostizierten Fehlbetrag von 90 Millionen Franken. Diese so genannte Abgeltungslücke können die Transportunternehmen nur teilweise mit Effizienzsteigerungen wettmachen. Deshalb hat die öV-Branche beschlossen, nach zwei Jahren die Tarife per Fahrplanwechsel im Dezember 2014 moderat anzupassen. Die Tariferhöhung beträgt 2,9 Prozent und erfolgt linear über alle Billette und Abonnemente.
Preise OeV 2015Das Wachstum und das attraktive Angebot des öffentlichen Verkehrs sind eine Erfolgsgeschichte. Einer der wichtigsten Pfeiler ist der von Bund und Kantonen gemeinsam bestellte regionale Personenverkehr. Während der Fernverkehr von den Transportunternehmen selbstständig und rentabel betrieben werden muss, sieht der Gesetzgeber beim regionalen Personenverkehr eine ausgeglichene Rechnung vor. Das Angebot wird von Bund und Kantonen gemeinsam bestellt und abgegolten.
Da aber die Erträge nicht gleich schnell wachsen, wie das Angebot ausgebaut, beziehungsweise das Rollmaterial erneuert wird, kommt es 2015 zu einem auch vom Bundesamt für Verkehr bestätigten prognostizierten Fehlbetrag von 90 Millionen Franken. Diesen können die Transport­unternehmen nicht alleine tragen, obwohl sie ihre Effizienz seit Jahren stetig verbessern. Der Bund hat wiederholt darauf hingewiesen, dass er eine höhere Nutzerfinanzierung im öffentlichen Verkehr für unumgänglich hält.
Der Angebotsausbau und die Erneuerung des Rollmaterials führen zuerst einmal zu höheren Kosten. Während die Beiträge von Bund und Kantonen mehr oder weniger gleich bleiben, steigen die Erträge aber nicht sofort, sondern nach und nach. Deshalb hat die öV-Branche beschlossen, nach zwei Jahren nun die öV-Tarife per Dezember 2014 linear um 2,9 Prozent zu erhöhen, obwohl die ungedeckten Mehrkosten im regionalen Personenverkehr nach einer stärkeren Erhöhung verlangt hätten. «Ich bin mir bewusst, dass sich niemand über Tariferhöhungen freut. Die prognostizierte Abgeltungslücke im regionalen Personenverkehr machen diese aber notwendig. Da die Kundinnen und Kunden vom stetigen öV-Ausbau grossen Nutzen ziehen, erachte ich die moderaten Erhöhungen als tragbar», sagte VöV-Direktor Ueli Stückelberger an einer von VöV und PostAuto Schweiz gemeinsam durchgeführten Medienkonferenz in Bern.
Die Branche des öffentlichen Verkehrs ist aber klar der Meinung, dass der öV bezahlbar bleiben muss. Die lineare Erhöhung stellt sicher, dass alle Reisenden-Segmente gleich stark an den ungedeckten Kosten partizipieren.
Im Gegenzug profitieren die Kundinnen und Kunden von immer mehr Verbindungen (Durch­messerlinie Zürich, S-Bahn St. Gallen, regionaler Personenverkehr in der Romandie, geplanter Ausbau des PostAuto-Angebots in den Regionen Avenches und Payerne) und komfortablerem Rollmaterial. Der Ausbau des Angebots im regionalen Personenverkehr reicht von zusätzlichen Linien, über dichtere Fahrpläne bis hin zu besserer Kundeninformation.
In den Regionen und Kantonen ist die Wunschliste mit Angebotserweiterungen im regionalen Personenverkehr lang. «Mehr Busse und Züge sind aber nicht zum Nulltarif zu haben», sagte Daniel Landolf, Chef der PostAuto Schweiz AG. Er zeigte auf, dass sich die Transportunternehmen in einem Spannungsfeld bewegen: Die Kundinnen und Kunden wünschen ein gutes Angebot, die Besteller fordern möglichst tiefe Kosten. Die Abgeltungslücke kann nicht ausschliesslich durch höhere Produktivität der Transportunter­nehmen ausgeglichen werden, es braucht auch die Beteiligung der Fahrgäste. Ansonsten würden sämtliche Steuerzahler via die Beiträge der öffentlichen Hand stärker belastet.
Auf Dezember 2014 beabsichtigen auch einige Verbünde, darunter der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV), ihre Tarife leicht zu erhöhen.
Der Preisüberwacher wird über die beschlossenen Tariferhöhungen informiert.

Reisen ausserhalb der Spitzenzeiten: Die SBB verdoppelt die Zahl der Sparbillette

Um die Spitzenverkehrszeiten am Morgen und am Abend zu entlasten, hat die SBB entschieden, die Anzahl der Sparbillette auf allen SBB Strecken per sofort von derzeit 50 000 auf 100 000 Stück pro Tag zu verdoppeln, den Bezug zu vereinfachen und auf weitere Kanäle auszuweiten. Damit soll das Bahnfahren weiterhin attraktiv bleiben und neue Kundinnen und Kunden ansprechen.
Die SBB bedauert, dass Tarifmassnahmen notwendig sind. Sie hat sich gemeinsam mit der Branche des öffentlichen Verkehrs dafür eingesetzt, dass die Preiserhöhungen mit 2,9 Prozent per Fahrplanwechsel im Dezember 2014 moderat ausfallen.
Reisen mit der Bahn wird jedoch auch in Zukunft preislich attraktiv bleiben. Die SBB will deshalb das Angebot ausserhalb der Spitzenzeiten ausbauen. Um diese Angebote weiter zu fördern, verdoppelt die SBB per sofort die Anzahl der Sparbillette von heute 50 000 auf 100 000 pro Tag. Die SBB will den Bezug der Sparbillette zudem vereinfachen. Ziel ist es, den Bezug per Fahrplanwechsel 2014 auf weitere Kanäle auszuweiten. Heute können die Sparbillette unter www.sbb.ch/sparbillette und an den PC-Stationen der grösseren SBB Reisezentren bezogen werden. Neben dem klassischen Fahrausweissortiment bietet die SBB bereits heute für Reisen ausserhalb der Spitzenzeiten vergünstigte Billette zu attraktiven Preisen an. Der Preis variiert dabei je nach Buchungsdatum und Auslastung des entsprechenden Zuges. Wer früh bucht, profitiert am stärksten von rabattierten Angeboten, welche bis einen Tag vor Abfahrt erhältlich sind: So ist eine einfache Fahrt Zürich HB – Basel SBB ohne Halbtax bereits für CHF 16. – statt für CHF 32. – erhältlich. Mit der Ausdehnung der Sparbillette will die SBB Neukunden gewinnen und damit die Nebenverkehrszeiten besser auslasten. Von den Sparbilletten profitieren Kundinnen und Kunden und der öV gleichermassen, denn die Erträge der Sparbillette leisten einen weiteren Beitrag zur Kostendeckung.
Bereits heute profitieren Reisende von attraktiven Angeboten. So sind beispielsweise die Abonnemente für Familien, Kinder, Jugendliche, Lehrlinge, Studenten, ältere Menschen und für Menschen mit Behinderung stark rabattiert. Daneben will die SBB auch das beliebte Angebot der Gemeinde-Tageskarten und erfolgreiche Aktionen und Kampagnen fortsetzen und ausbauen. Nebst dem ausgeweiteten Angebot der Sparbillette wird die SBB weitere Massnahmen zur Entlastung der Spitzenverkehrszeiten prüfen und gemeinsam mit der Branche zusätzliche Sortimentsanpassungen angehen.


Stellungnahme Pro Bahn Schweiz:
Fast 3 Prozent mehr
2,9 % soll sie ausmachen, die per Ende Jahr vorgesehene Preiserhöhung im öffentlichen Verkehr. Alle Tarifkategorien, vom GA bis zum Einzelbillet, werden davon gleichermassen betroffen sein. Pro Bahn Schweiz, die Interessenvertretung der Kundinnen und Kunden des öffentlichen Verkehrs nimmt ohne Begeisterung von diesem Vorhaben Kenntnis, auch wenn verstanden wird, dass auch die Passagiere ihren Beitrag zur Eisenbahn als Ganzes zu leisten haben. Dass bei dieser Massnahme einmal mehr die Erhöhung über der Jahresteuerung verfügt wird, ist nicht verständlich.
öV Benützer als Milchkühe
In letzter Zeit mussten die Reisenden immer wieder mit Preiserhöhungen rechnen. Dabei sind regelmässige aber moderate Preiseerhöhungen wohl eher zu akzeptieren als seltenere, die aber umso grösser ausfallen. Bei den Automobilisten ist das zwar anders: In fast allen Kantonen beschliesst das Volk beispielsweise über sie über die Motorfahrzeugsteuer. Wie würden sich wohl die Bahntarife darstellen, wenn hier das Volk das gleiche Recht hätte? Wetten, dass heute noch die Tarife des Jahres 2000 Gültigkeit hätten?
An dieser Stelle sei einmal mehr den Bundesbehörden wie Bundesamt für Verkehr (BAV) und Departement für Umwelt Energie und Verkehr (UVEK) in Erinnerung gerufen, dass die Benützer von Bahn, Tram und Bus, längere Reisezeiten auf sich nehmen und wesentlich weniger Platz beanspruchen als mit dem eigenen Motorfahrzeug und so einen Beitrag für ein eine bessere Umwelt leisten. Deshalb sind die gehabten Unzufriedenheitserklärungen von UVEK und BAV gegenüber dem Resultat der SBB überhaupt nicht nachvollziehbar.
Leere Züge füllen
Dieses Vorhaben verdient Unterstützung, selbst wenn dies von GA-Benutzerinnen und Benutzern nicht begrüsst werden sollte. Immer wieder wird ja der Bahn vorgeworfen, dass die gesamte Auslastung ungenügend sei. Sie kann aber nicht gut verbessert werden, denn während der Arbeit wird gearbeitet und nicht Zug gefahren. Dass auf diese Weise ein zusätzliches Kundensegment angeworben wird, welches tagsüber und zu Randzeiten zu einer Zugfahrt gewonnen werden kann, ist positiv zu werten. Wichtig dabei ist, dass klare Spielregeln aufgestellt und Missverständnisse und damit verbunden Nachzahlungen und Ärger vermieden werden.


Stellungnahme IGöV Schweiz:
IGöV sieht bei fehlender Teuerung und mangelnder Qualität keine Berechtigung für Preiserhöhungen im öffentlichen Verkehr
Preiserhöhungen könnten allenfalls mit eine verbesserten Angebotsqualität gerechtfertigt werden. Diese nimmt leider laufend ab: Stellwerkstörungen und Stehplätze zeigen ein anderes Bild.
Aus diesen Gründen liegen solche Preissteigerungen derzeit völlig quer in der Landschaft und sind mit den Umweltzielen des Bundes nicht vereinbar. Die IGöV verlangt von den Betreibern und den politischen Behörden, dass die Preise des öffentlichen Verkehrs nicht stärker ansteigen als die vergleichbaren Kosten des MIV.


Stellungnahme VCS Verkehrs-Club der Schweiz:
VCS appelliert an die Besteller im öffentlichen Verkehr
Der VCS hat ein gewisses Verständnis für die vom VöV angekündigte Erhöhung der öV-Tarife per Dezember 2014. Gleichzeitig fordert er Bund und Kantone auf, ihre Verantwortung für den regionalen Personenverkehr besser wahrzunehmen.
Nach einer massiven Erhöhung 2012 und einer «Verschnaufpause» 2013 sollen die öV-Tarife in der Schweiz zum Fahrplanwechsel im Dezember 2014 durchschnittlich um 2,9 Prozent steigen. Dies gab der Verband öffentlicher Verkehr (VöV) bekannt. Begründet wird die Erhöhung mit der Abgeltungslücke im regionalen Personenverkehr. Diese kann von den Transportunternehmen kurzfristig nur mit Massnahmen auf der Einnahmenseite gestopft werden.
Der VCS hat Verständnis für die schwierige Situation der Transportunternehmen des öffentlichen Verkehrs. Diese leisten im europaweiten Vergleich hervorragende Arbeit, wie eine Studie der LITRA letzte Woche gezeigt hat. Demnach nimmt die Schweiz bei der öV-Angebotsqualität den Spitzenplatz ein, während sich die öV-Tarife im Mittelfeld bewegen. Eine Tariferhöhung mit Augenmass, wie sie der VöV jetzt in Aussicht stellt, scheint daher aus Kundensicht vertretbar. Denn Qualität hat ihren Preis.
Wer bestellt, soll auch bezahlen
«Beim abgeltungsberechtigten regionalen Personenverkehr müssen Bund und Kantone ihre Verantwortung aber besser wahrnehmen und eine gutes Angebot bestellen und auch bezahlen», sagt VCS-Präsidentin Evi Allemann. In diesem Bereich besteht eine Diskrepanz zwischen der langfristigen Planung der öffentlichen Hand und der tatsächlichen Bereitschaft, die aus der Planung entstehenden Kosten abzugelten. So haben viele Transportunternehmen als Folge der stark zunehmenden Passagierzahlen im regionalen Personenverkehr in neue Fahrzeuge und ein dichteres Angebot investiert. Die Finanzierung durch die Besteller Bund und Kantone ist aber nicht überall sichergestellt, das Risiko tragen einseitig die Transportunternehmen. So sehen sich diese jetzt erneut zu einer Tariferhöhung gezwungen.
Mit der Annahme der vom VCS unterstützen FABI-Vorlage hat sich die Schweizer Bevölkerung im Februar einmal mehr indirekt für einen starken öV und für eine Verlagerung des Verkehrs von der Strasse auf die Schiene ausgesprochen. «Steigende öV-Tarife könnten aber genau dies verhindern und sogar zu einer Rückverlagerung des Verkehrs von der Schiene auf die Strasse führen», gibt Caroline Beglinger, Co-Geschäftsleiterin VCS, zu bedenken. Dies könnte insbesondere dann geschehen, wenn parallel zu den Tariferhöhungen nicht auch Massnahmen beim motorisierten Privatverkehr ergriffen werden.

Autor: Redaktion

Aus der Bahnonline.ch-Redaktion. Zugesandte Artikel und Medienmitteilungen, welche von der Redaktion geprüft und/oder redigiert wurden.

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