Eine Zukunft für die historische Verkehrslandschaft Gotthard vom 6. und 7. September 2013 in Altdorf

Die internationale Tagung mit gut 100 Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die von ICOMOS Suisse, dem Fachverband der Denkmalpfleger organisiert wurde, widmete sich der Zukunft der Gotthard-Bergstrecke. Die SBB stellten ihr Fahrplankonzept im Detail vor, das als zusätzlichen Umsteigeort Erstfeld und an Wochenenden Göschenen vorsieht. Es geht von täglich durchschnittlich 600 Passagieren aus und ist bei einem grösseren Verkehrsaufkommen auch ausbaubar. Filippo Lombardi, Ständeratspräsident unterstrich die Bedeutung der Gotthard-Bergstrecke für den Tourismus und die Erschliessung des Gebietes zwischen Biasca und Erstfeld. In einem engagierten Votum führte Ständerat Isidor Baumann aus, dass das Fahrplankonzept der SBB für Reisende nach Andermatt klar ungenügend sei. Von der Südostbahn ist im Februar 2014 ein alternatives Betriebskonzept vorgestellt worden.

erstellt am 19. September 2013 @ 08:30 Uhr
ICOMOS Suisse, Arbeitsgruppe Industriekultur / Kilian T. Elsasser, Luzern und Göschenen / Verkehrshaus der Schweiz
Gotthard-Bahntunnel Tunnelportal Goeschenen um 1875 64657_01Die internationale Tagung mit gut 100 Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die von ICOMOS Suisse, dem Fachverband der Denkmalpfleger organisiert wurde, widmete sich der Zukunft der Gotthard-Bergstrecke. Die SBB stellten ihr Fahrplankonzept im Detail vor, das als zusätzlichen Umsteigeort Erstfeld und an Wochenenden Göschenen vorsieht. Es geht von täglich durchschnittlich 600 Passagieren aus und ist bei einem grösseren Verkehrsaufkommen auch ausbaubar. Filippo Lombardi, Ständeratspräsident unterstrich die Bedeutung der Gotthard-Bergstrecke für den Tourismus und die Erschliessung des Gebietes zwischen Biasca und Erstfeld. In einem engagierten Votum führte Ständerat Isidor Baumann aus, dass das Fahrplankonzept der SBB für Reisende nach Andermatt klar ungenügend sei. Von der Südostbahn ist im Februar 2014 ein alternatives Betriebskonzept vorgestellt worden.

Schwerpunkt der Tagung war die touristische Inwertsetzung des oberen Reusstals und der Leventina. Für Ruth Nydegger, Volkswirtschaftsdepartement Kanton Tessin und Omar Gisler, Ticino Turismo war klar, dass das Label UNESCO Welterbe unabdingbar ist, die Gotthard-Bergstrecke und die Region zu vermarkten. Das Qualitätslabel ist für sie ein wichtiger Absender für bestehende und vor allem noch zu schaffende touristische Produkte. Das Referat von Hans Amacker, Direktor Rhätische Bahn RhB, brachte Vor- und Nachteile eines UNESCO Welterbes auf den Punkt: Eine Kandidatur förderte den Bewusstseinprozess in einer einmaligen Region zu leben. Die Prozesse für die Erneuerung der Bahninfrastruktur wurden zwar aufwändiger, sind aber zu bewältigen. Die komplexeren Abläufe werden aber bei weitem von den neuen Möglichkeiten der Vermarktung aufgewogen. Wenn sich die RhB noch einmal entscheiden müsste, würde sie eine Kandidatur als Welterbe noch einmal angehen. Mit grossem Interesse wurden die Ausführungen von Martin Oliver des Bundesamts für Kultur erwartet. Er bestätigte, dass sich das Bundesamt für Kultur eine Kandidatur der Gotthard-Bergstrecke als UNESCO Welterbe vorstellen kann. Er sieht aber auch noch viele offene Fragen. Gewisse Vorbehalte bestehen bei der Authentizität. Dies betrifft vor allem die verkleideten Betonbrücken, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Stahlfachbrücken ersetzten, sowie die in den letzten Jahren montierten Lärmschutzwänden. Die bauliche Integrität beziehungsweise Vollständigkeit ist weiter auf den Prüfstand zu stellen. Wichtig sind auch die noch zu erarbeitenden Massnahmen, den Schutz der Anlagen nach einer erfolgreichen Kandidatur sicherzustellen. Martin Oliver empfiehlt eine Konzentration auf die Eisenbahnlinie. Sie „unterfährt“ das Problem Andermatt und der Windpark Gotthard (hinsichtlich Denkmalpflege) und verringert die Anzahl Stakeholder, die bei einer Kandidatur einbezogen werden müssen. In der nächsten Kulturbotschaft (ab 2016) will das BAK die Kandidatenliste für ein Welterbe wieder öffnen und die Möglichkeit bieten eine neue Kandidatur einzureichen. Es ist ein Angebot an die Kantone den Ball Gotthard-Bergstrecke wieder aufzunehmen. Markus Geyer der SBB wies auf die Vorleistungen der SBB hin. 2015 wird ihr Inventar der Bauten der Gotthard-Bergstrecke abgeschlossen sein. Es ist Voraussetzung für eine Kandidatur. Die SBB sind sich bewusst, dass die Gotthardlinie ihre Paradestrecke ist. Die SBB werden bei einer Kandidatur mitmachen, erwarten aber den Lead von den Kantonen. Offen ist, wie der Bund den Leistungsauftrag für den Betrieb der Gotthard-Bergstrecke an die SBB formulieren wird.

Gotthard-Bahnlinie Bruecken ueber die Goeschenerreuss 64657_02

Der Kanton Uri sendete gemischte Signale. Frau Heidi Zgraggen, Landesstatthalter, begrüsst eine Kandidatur. Sie sieht sie als grosses Potential. Der Schutz und die Erhaltung sind eine Grundlage für den weiteren Betrieb der Strecke und grosse Möglichkeit der Vermarktung. Andere Vertreter des Kantons sind eher skeptisch. Sie befürchtet eine Einschränkung einer wirtschaftlichen Entwicklung. Sicher würden bei einer Verleihung eines Welterbelabels Erneuerungen immer wieder auf ihre Verträglichkeit mit dem Qualitätslabel in Einklang gebracht werden müssen. Noch zu wenig in die Diskussion einbezogen wurde, was denn die Alternativen zu einer touristischen Stärkung des oberen Reusstals sein könnten. In dieser strukturschwachen Region sind kaum Projekte in Sicht, die behindert werden könnten. Auch müsste auch das Vermarktungspotenial eines Welterbelabels in die Waagschale geworfen werden. Das von Adrian Schmid, Geschäftsführer Schweizer Heimatschutz geleitete Podium kam zum Schluss, dass die Kantone UR und TI, sowie die SBB das Gespräch intensivieren werden, um über das weitere Vorgehen einer allfälligen Kandidatur zu beschliessen.

Als emotionaler Höhepunkt präsentierte Emil Steinberger das seit 40 Jahren nicht mehr aufgeführte „Chileli vo Wasse“. Der Sketch wies eindrücklich auf die Bedeutung und Bekanntheit der Gotthard-Bergstrecke hin. Es zeigte anschaulich auf, dass das obere Reusstal und die Leventina auf einem Schatz voller Geschichten und Erlebnissen sitzen, der zukünftigen Touristen mit Panoramafahrten in historischen und modernen Zügen und vielen anderen touristischen Produkten wieder näher gebracht werden kann und muss. Wichtig ist, wie Martin Bütikofer, Direktor des Verkehrshauses betonte, dass die kommunikative Offensive der Eröffnung des Gotthardbasistunnels 2016 auch für die Promotion des Gebiets zwischen Erstfeld und Biasca genutzt werden muss.

Historische Landschaft Gotthard
Die erhaltenen historischen Verkehrswege und die im Umfeld der Verkehrswege entstandenen Bauten und Anlagen schaffen ein einzigartiges architektonisches Ensemble in einer aussergewöhnlichen Landschaft. Mittelalterliche Saumpfade (in der Monte-Piottino-Schlucht), Wegbauten (St. Josephskapelle bei Wassen, Gotthardhospiz) Brückenbauten (Teufelsbrücke), Passstrassen (Furka, Grimsel, Nufenen, Oberalp, Gotthard), Eisenbahnstrecken (Dampfbahn Furka Bergstrecke, Kehrtunnels in der Biaschina) und Tunnelbauten (der Gotthardtunnel von 1882), Befestigungsanlagen (Forte Airolo, Sasso San Gottardo) zeugen von einer meisterlichen Ingenieurskunst. Es existiert in der Schweiz keine Sukzession von Bauten, die so eng mit der Identität der Schweiz verbunden ist und diese in entscheidender Weise prägt. Die historische Landschaft Gotthard ist ein zu entdeckendes Abbild der schweizerischen und europäischen Verkehrs- und Kulturgeschichte.

Organisatoren: Kilian T. Elsasser, Museumsfabrik Luzern und Göschenen (Leitung), Dr. Ueli Habegger, ehem. Denkmalpfleger Stadt Luzern, Dr. Georg Kreis, em. Professor Universität Basel.

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Autor: Redaktion

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