Der Güterverkehr durch die Alpen ist 2009 auf der Strasse wie auf der Schiene stark zurückgegangen – die Bahn hat Anteile verloren
erstellt am 15. März 2010 @ 15:20 Uhr
Eidgenössisches Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation / Verband der verladenden Wirtschaft VAP / Alpen-Initiative / ASTAG
Im Jahr 2009 sind insgesamt 1,18 Millionen Lastwagen durch den Alpenbogen gefahren. Dies bedeutet gegenüber 2008 einen Rückgang um 7,4 Prozent. Noch stärker wirkte sich die Wirtschaftskrise allerdings bei der Bahn aus: Sie transportierte 2009 noch 20,9 Millionen Nettotonnen durch die Alpen und damit 17,7 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Entsprechend verlor die Schiene gegenüber der Strasse an Anteilen. 2009 wurden 61 Prozent der Güter auf der Schiene befördert, 2008 waren es noch 64 Prozent gewesen. Dieser Rückgang ist unter anderem auf die stark gesunkenen Preise beim Strassentransport zurückzuführen.
Der Einbruch des alpenquerenden Güterverkehrs war im ersten Halbjahr 2009 stärker als im zweiten Semester. Im zweiten Halbjahr konnte sich die Schiene gegenüber der Strasse wieder leicht verbessern.
Niedrigste Zahl von LKW-Fahrten seit über zehn Jahren
Die Zahl alpenquerender Fahrten schwerer Güterfahrzeuge sank 2009 um rund 95’000 auf 1,18 Millionen Fahrten. Dies stellt den niedrigsten Wert seit 1998 dar. Gegenüber dem Referenzjahr 2000 ging die Zahl der Fahrten um 16 Prozent zurück.
Im zweiten Semester 2009 war der Rückgang gegenüber den ersten sechs Monaten mit 1,3 Prozent deutlich niedriger. Dies kann als Zeichen einer leichten konjunkturellen Erholung im zweiten Halbjahr gedeutet werden, welche sich in einer erhöhten Transportnachfrage niederschlug.
Auch wenn die Zahl der Lastwagenfahrten auf den niedrigsten Stand seit über zehn Jahren sank, liegt er immer noch klar über dem Verlagerungsziel von 650’000 Fahrten pro Jahr. Bereits im Verlagerungsbericht vom Herbst 2009 hatte der Bundesrat darum festgehalten, dass das Ziel nur mit zusätzlichen Instrumenten erreicht werden kann. Das grösste Potenzial haben Schwerverkehrsmanagementsysteme für Alpenpässe wie die Alpentransitbörse. Die Schweiz erarbeitet bis 2011 in Absprache mit den anderen Alpenländern die Grundlagen für die Einführung eines solchen Verkehrsmanagementsystems und prüft in diesem Zusammenhang mehrere Modelle, die allenfalls miteinander kombiniert werden könnten.
Die Schadstoffbelastung entlang der Alpentransitachsen lag im Bereich der Vorjahre. Da die Werte bei den meisten Stationen noch immer über den Grenzwerten liegen, besteht weiterhin Handlungsbedarf.
Schiene stärker betroffen
Ein noch stärkerer Rückgang als auf der Strasse war 2009 beim Schienengüterverkehr zu verzeichnen. Über das gesamte Jahr sank die transportierte Menge gegenüber 2008 um 17,7 Prozent auf 20,9 Millionen Nettotonnen. Besonders stark war der Wagenladungsverkehr betroffen, der um 27,4 Prozent schrumpfte. Die Gründe dafür liegen namentlich in der Art der transportierten Güter wie Stahl, Automobile, Holz und Papier, bei denen die Transportnachfrage als Folge der Wirtschaftskrise besonders stark sank. Auf der Strasse werden dagegen primär Güter des täglichen Gebrauchs transportiert, bei denen die Nachfrage auch in der Rezession stabil bleibt.
Stabilisierung im UKV
Der unbegleitete kombinierte Verkehr (UKV, Container, Sattelauflieger und Wechselbehälter) ging übers Jahr um 14,1 Prozent zurück, doch war der Rückgang im 2. Semester mit 2,7 Prozent deutlich geringer als im ersten Halbjahr (-23,7 Prozent). Die Rollende Landstrasse realisierte im zweiten Halbjahr sogar ein leichtes Wachstum von 2,3 Prozent.
Einen wichtigen Anteil an der beobachteten Stabilisierung im UKV haben die vom Bund in diesem Bereich Mitte 2009 ergriffenen Stabilisierungsmassnahmen in Form einer Anpassung der Abgeltungen. Die KV-Unternehmen konnten dadurch konkurrenzfähige Preise anzubieten. Der verschärfte Preiswettbewerb auf der Strasse infolge von Überkapazitäten hatte zuvor den unbegleiteten kombinierten Verkehr stark getroffen. Die preislichen Reaktionsmöglichkeiten der Schienenverkehrsunternehmen waren jedoch beschränkt. Dies liegt vor allem im sehr hohen Fixkostenanteil (Rollmaterial, Lokomotiven) begründet.
Update Stellungnahme VAP:
Jetzt strukturelle Defizite der Bahn beseitigen
Der Verband der verladenden Wirtschaft VAP ist nicht erstaunt, dass gemäss dem veröffentlichten Monitoring der alpenquerende Schienengüterverkehr Marktanteile verliert. Sicher ist die herrschende Wirtschaftskrise ein Grund für den Rückgang des Güterverkehrs auf Strasse und Schiene. Doch wenn sich der Marktanteil des Schienenverkehrs von 64 Prozent im Vorjahr auf 61 Prozent zurückbildet, dann zeigt dies, dass der Strassentransport vom Rückgang des alpenquerenden Güterverkehrs weit weniger stark betroffen ist als die Transporte auf der Schiene. Offensichtlich ist es dem Strassengüterverkehr besser gelungen, die Wirtschaftkrise zu meistern.
Dies wird dazu führen, dass der Strassengüterverkehr gestärkt aus der Wirtschaftskrise hervorgehen wird und in den kommenden Monaten noch mehr Marktanteile holen wird. Nach Ansicht des VAP müssen nun zuerst die strukturellen Defizite der Bahn behoben werden, um den Negativtrend zu brechen. Dazu gehören in erster Linie eine anreiz- und kapazitätsorientierte Revision des Trassenpreissystems, die Einsetzung eines schlagkräftigen Eisenbahn-Regulators und die Trennung von Infrastruktur und Verkehr.
Die Trennung von Infrastruktur und Verkehr würde bei den Bahnunternehmen zu einer Erhöhung der Kostentransparenz und damit zu einer Senkung der Infrastrukturkosten bzw. einer Steigerung der Effizienz führen. Gleichzeitig sind die Rückstellungen der Spezialfinanzierung Strassenverkehr aufzulösen, um genügend Mittel für den Ausbau der Verkehrsinfrastrukturen zu haben, womit mehr freie Trassen für den Schienenverkehr zur Verfügung stünden.
Stellungnahme Alpen-Initiative:
Verlagerung gefährdet: Dieses Niveau gilt es zu halten
Kommt die Wirtschaft in Schwung, werden wieder mehr Waren durch die Alpen gefahren. Die Alpen-Initiative fordert, dass die zusätzliche Gütermenge mit der Bahn transportiert wird und die Zahl der Lastwagen nicht erneut ansteigt. Dies kann kurzfristig durch eine Verschärfung des Dosiersystems am Gotthard, durch eine Neuberechung der Klimakosten des Schwerverkehrs sowie die unverzügliche Erhöhung der LSVA erreicht werden. Am effizientesten ist die Einführung der Alpentransitbörse.
Die Wirtschaftskrise hat dazu geführt, dass 2009 laut UVEK weniger Güter durch die Alpen transportiert wurden. Verkehrspolitisch unerfreulich ist, dass die Schiene gegenüber der Strasse erneut an Anteilen verloren hat. Dies widerspricht der vom Volk gewünschten und in der Verfassung verankerten Verlagerung des Güterverkehrs von der Strasse auf die Schiene.
2009 durchquerten 1,18 Millionen Lastwagen die Alpen. Das Gesetz verlangt, dass die Zahl auf 650’000 pro Jahr reduziert wird. „Wir müssen 2010 dieses Niveau halten, auch wenn die Konjunktur wieder anzieht“, sagt Alf Arnold, Geschäftsführer der Alpen-Initiative. Ab 2011 sind die Lastwagenfahrten zwingend weiter zu senken. Dies kann wie folgt erreicht werden:
- Dosiersystem am Gotthard sicherheitsbedingt rigoros einhalten, beziehungsweise verschärfen.
- Klimakosten, die der Schwerverkehr verursacht, neu berechnen und die LSVA anpassen.
- Teuerung bei der LSVA mitberechnen.
- Qualität des Angebots für den Gütertransport auf der Schiene verbessern.
- Neu Investitions- und Innovationsbeiträge an die Bahn ausrichten, nicht nur Betriebsbeiträge.
- Bahnzulaufstrecken zum Gotthard ausbauen. Bereits mit 90 Millionen kann eine Kapazitätssteige-rung von vier Millionen Tonnen pro Jahr erreicht werden.
- Alpentransitbörse (ATB) einführen.
Die ATB ist die effizienteste Massnahme, um das Verlagerungsziel zu erreichen. Die Alpen-Initiative fordert das Parlament auf, die Voraussetzungen für die rasche Realisierung der ATB schon vor Abschluss der Verhandlungen mit andern Ländern zu schaffen. Dabei soll der Bundesrat ermächtigt werden, die ATB einzuführen.
Stellungnahme ASTAG:
Die Schiene verliert im Transit Marktanteile – Verlagerungspolitik definitiv gescheitert
Die Schiene verliert im Transit durch die Schweizer Alpen weiter an Marktanteilen. Während der Strassentransport wegen der Krise um 7 Prozent zurückgegangen ist, hat die Bahn gar 17 Prozent eingebüsst. Der Modal-Split ist von 64 auf 61 Prozent gesunken. Eine triste Bilanz der UVEK-Politik. Die Schweiz steht mit ihrer zunehmend auf Zwangsmassnahmen gegen die Strasse ausgerichteten Verkehrspolitik international immer mehr im Abseits.
„Niedrigste Zahl von LKW-Fahrten seit über zehn Jahren.“ Was von den Kommunikationsfachleuten des UVEK als Erfolg verkauft wird, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als reine Katastrophe! Zwar ist die Anzahl Lastwagen, welche die Schweizer Alpen im 2009 durchquert haben tatsächlich um 7 Prozent zurückgegangen. Angesichts des massiven Wirtschaftseinbruchs erstaunt dies aber kaum. Viel aussagekräftiger ist ein Vergleich mit der Bahn: Diese hat im gleichen Zeitraum nämlich 17 Prozent eingebüsst. Von Verlagerung keine Spur – im Gegenteil: die Schiene hat damit massiv und in katastrophalem Ausmass Marktanteile an die Strasse verloren. Der Bahnanteil ist von einst 66 Prozent innert Kürze auf 61 Prozent gesunken. Dies ist die triste Bilanz der Milliarden teuren Schweizer Verlagerungspolitik, deren Vorbildcharakter über Jahre hinweg vollmundig verkauft worden ist.
Politik muss handeln – für die Schweizer Wirtschaft!
Seit Jahren weisen die ASTAG und praktisch veranlagte Experten, die etwas von der Materie verstehen und nicht bloss linksgrüne Verlagerungsillusionen predigen, darauf hin, dass die Schweizer Verlagerungspolitik gescheitert ist. Sie kann nicht funktionieren! Mit stets nur einschränkenden Zwangsmassnahmen gegen den Strassentransport kann man die Verlagerung nicht erzwingen. Mehr noch: Neue Einschränkungen, wie die geplante Alpentransitböse werden dazu führen, dass die schweizerische Verkehrspolitik endgültig in einem totalen Fiasko enden wird. So wird zwar der Transitverkehr weiter zunehmen, sobald die Wirtschaft wieder anzieht. Die KMU-orientierte Binnenversorgung wird sich aber je länger je mehr aus dem Norditalien- und Tessin-Verkehr zurückziehen. Mit verheerenden Folgen für die Schweiz und ihre Wirtschaft.
Deshalb lehnt die ASTAG eine Kontingentierung mit einer Alpentransitbörse ab. Und auch eine Totalsperrung der Gotthardachse für die Sanierung hätte gravierende Folgen. Es ist an der Zeit, hier jetzt endlich umzudenken.
EU geht neue Wege: Schluss mit der Verteufelung des Strassentransportes
Die ASTAG fordert Politik und vor allem Behörden auf, jetzt endlich eine neue Strategie zu wählen: Anstelle der Penalisierung des Strassentransportes muss dessen Bedeutung für die Schweiz und die Bevölkerung anerkannt werden. Zudem spricht sich die ASTAG in erster Linie für echte Reformen im Bahnbereich aus. Hier sind jetzt einschneidende Massnahmen dringend! Sonst droht nämlich bereits das nächste Waterloo: Nach dem „Verlagerungsfiasko“ müssen sich Politik und Behörden nämlich dereinst auch um den finanziellen Schaden kümmern, den sie angerichtet haben: Zum einen sind seit Jahren Milliarden offenbar wirkungslos verpufft oder werden noch weiter verlocht (Neat-Luxuslösungen). Zum anderen wird der Schweizer Wirtschaft für die gescheiterte Politik massiv Geld entzogen (Abgaben, Steuern, Zeitverluste etc.).
Die EU hat diesen Weg bereits eingeschlagen. Im neusten „Weissbuch der EU-Verkehrspolitik“, das Ende Jahr vorliegen soll, wird anstelle der „Verlagerungsillusion“ neu ganz klar auf das Nebeneinander von Strasse und Schiene gesetzt. Dies vor allem auch, weil Nutzfahrzeuge in den letzten zehn Jahren massiv ökologischer geworden sind und heute in Sachen Ökobilanz in vielen Bereichen mit der Schiene mehr als konkurrenzieren können!
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