GLACIER EXPRESS 906 im Wallis entgleist – 1 Todesopfer, 40 Verletzte
erstellt am 23. Juli 2010 @ 22:33 Uhr
KANTONSPOLIZEI WALLIS (Text/Fotos) / Matterhorn Gotthard Bahn (Text) / Sandro Hartmeier (Text)
Am 23.07.2010, gegen 11:50 Uhr, ereignete sich ein Zugsunfall zwischen den Bahnhöfen Lax und Fiesch Feriendorf, im Kanton Wallis. Drei Wagen - darunter der Servicewagen – des mit 210 Personen besetzten fahrenden GLACIER EXPRESS 906 Zermatt – St. Moritz der Matterhorn-Gotthard-Bahn (MGB) entgleisten. Zwei Waggons kippten auf die Seite. Es handelte sich um Wagen der 1. Klasse mit 30 bezw. 36 Sitzplätzen. Beim Unglück ist eine Person getötet worden, 40 Personen wurden verletzt, 12 davon schwer. Die Bergung der verunglückten Eisenbahnwagen wurde am Samstag abgeschlossen, die Bahnlinie konnte am Sonntag wieder geöffnet werden. Der Unfall ist auf menschliches Versagen zurückzuführen. Der Lokführer war zu schnell gefahren – er beschleunigte den Zug zu früh! Das teilten die Behörden am Freitag (30.7.2010) vor den Medien in Brig mit.
Fakten von der Pressekonferenz am 30.7. in Brig
- Die BLS untersuchte die Drehgestelle, es wurden keine Fehler gefunden, auch Wagenkasten und Gleisanlagen waren in Ordnung
- 4 Tage vor dem Unglück wurde an der Unfallstelle eine Verwerfung am Gleis repariert, am Unfalltag meldeten keine Lokführer eine Verwerfung im betroffenen Streckenabschnitt
- Zum Unfallzeitpunkt fuhr der Zug mit 56 statt den maximal erlaubten 35 km/h, daher entgleisten die beiden hintersten Wagen [Wagen 5 und 6], beim Servicewagen [Wagen 4] erfolgte eine Zugstrennung und dadurch sofort eine Schnellbremsung
- Der Lokführer beschleunigte bereits 80 Meter vor der Geschwindigkeitstafel “55″ von 35 auf 55 km/h - bei erreichen der Geschwindigkeitstafel hatte der zu diesem Zeitpunkt schon entgleiste Wagen 6 ein Tempo von 56 km/h - dieser Wagen kolliderte mit 2 Fahrleitungsmasten
- Der betroffene Lokführer war bisher nie in einen Unfall verwickelt, er steht unter Schock und wird von Fachleuten betreut, seinen Beruf wird er in Zukunft nicht mehr ausüben können
- Der Glacier Express 906 verkehrte zum Unfallzeitpunkt mit einer Verspätung von 10 Minuten
- Die Sicherheit steht bei der MGB an oberster Stelle – die Bahn ist beschämt und entschuldigt sich, gleichzeitig werden Vorwürfe, die Fahrpläne sein “zu eng”, zurückgewiesen
- Der Servicewagen wird schon bald wieder eingesetzt werden können, bei den beiden anderen Wagen ist dies noch unklar
- Derzeit kommen in Glacier Express-Umläufen auch konventionelle Wagen zum Einsatz
Der Unfall ereignete sich in einer leichten Linkskurve, an einer schwachen Steigung, beim Viadukt zwischen den Orten Lax und Fiesch im Obergoms, ungefähr 400 Meter vor der Station Fiesch-Feriendorf entfernt.
Eine Reisende, eine 64-jährige Japanerin mit Wohnsitz in Osaka, verlor dabei ihr Leben. 40 weitere Personen wurden beim Unfall verletzt, 10-12 davon schwer. Die Verletzten wurden mit Helikoptern oder Ambulanzen in die Walliser Spitäler oder ins CHUV nach Lausanne oder Genf transportiert. Mehrere Leichtverletzte konnten die Spitäler bis Samstag bereits verlassen. Bei den Reisenden in den verunfallten Wagen handelte es hauptsächlich um ausländische Touristen aus Japan. Die Kantonspolizei Wallis ist mit den entsprechenden Konsulaten und Botschaften in Kontakt.
Die Matterhorn Gotthard Bahn ist zutiefst betroffen von dem schweren Zugsunfall. Die Verantwortlichen der Matterhorn Gotthard Bahn sprechen den Angehörigen des beim Unfall tödlich verunglückten Reisenden ihr tiefstes Beileid aus. Ihr grosses Mitgefühl gilt den Verletzten, welche in die umliegenden Spitäler eingeliefert wurden. Am Samstag 24. Juli 2010 sind alle Verletzten – soweit nach Absprache mit den diensthabenden Ärzten möglich – durch Vertreter der Geschäftsleitung besucht worden. Das Bahnunternehmen hält weiterhin engen Kontakt zu den Verletzten und deren Angehörigen.
Von den 40 verletzten Personen wurden 38 in ein Spital im Wallis eingeliefert (17 nach Visp, 6 nach Sitten, 6 nach Siders, 5 nach Martinach und 4 nach Monthey). Die Rettungskräfte lieferten zudem eine Person direkt ins Universitätsspital Lausanne und eine Person direkt ins Universitätsspital Genf ein.
Am 29.7.2010, um 14.30 Uhr, sind noch 8 Personen hospitalisiert:
- 4 Personen in einem Spital im Wallis (1 in Visp und 3 in Sitten)
- 2 Personen am CHUV (Lausanne), eine Person wurde von Monthey verlegt
- 1 Person am HUG (Genève)
- 1 Person am Inselspital Bern (verlegt von Visp)
Von diesen 8 Personen, die alle aus Japan stammen, wird 1 künstlich beatmet (in Lausanne am CHUV). Ihr Gesundheitszustand ist stabil.
Der Gesundheitszustand der übrigen Patienten entwickelt sich positiv.
Drei können voraussichtlich in den nächsten Tagen entlassen werden.
Die nicht verletzten Zugsreisenden wurden zur Betreuung ins Feriendorf Fiesch begleitet. Die Matterhorn Gotthard Bahn organisierte die psychologische Unterstützung mit dem bahneigenen Care Team vor Ort, bevor die Reisenden mit PostAutos weiter nach Andermatt oder St. Moritz transportiert wurden.
Die 3 vom Unfall direkt betroffenen Wagen sind stark beschädigt worden, ganz besonders der zweitletzte Wagen Ap 4022. Der GLACIER EXPRESS bestand aus einer Lok der Reihe HGe 4/4 II und 6 GLACIER EXPRESS-Wagen der Typen GEX und Breda. Vom Unglück direkt betroffen waren die Wagen:
- MGB Breda-Wagen Ap 4022 (Baujahr 1993), mit Drehgestell SIG-90 [Wagen 6 im Zug]
- MGB Breda-Wagen Api 4032 (Baujahr 1993), mit Drehgestell SIG-90 [Wagen 5 im Zug]
- RhB GEX-Servicewagen WRp 3832 (Baujahr 2006/09), mit Drehgestell Stadler-SSL [Wagen 4 im Zug]
Der Zug war wie folgt formiert:
- Ap-Api-WRp-Bp-Bp-Bp-HGe 4/4 II >>
Die Lok und die drei dahinter folgenden Wagen blieben beim Unglück unbeschädigt.
Die havarierten Fahrzeuge wurden mit Hilfe eines Kirow-Schienenkranes und eines auf einen Tragwagen verladenen Autokrans der Firma CLAUSEN am Samstag geborgen, auf den eigenen Drehgestellen rollend weggefahren und in die MGB-Werkstätte gebracht. Dort wurde das beschädigte Rollmaterial von der zuständigen Behörde untersucht. Offensichtliche Schäden wie Achsbrüche, Federbrüche oder Radsatzschäden konnten keine festgestellt werden. Dieser Panoramawagentyp steht seit mehreren Jahren für den Glacier Express im Einsatz, ohne dass jemals technische Mängel aufgetreten wären.
Am Freitag, den 23. Juli 2010, um ca. 20.00 Uhr, gab das Untersuchungsrichteramt Oberwallis und die eidgenössische Unfalluntersuchungsstelle Bahnen und Schiffe den Schadensplatz sowie die Fahrbahn frei. Die Matterhorn Gotthard Bahn hat anschliessend den Schadensplatz geräumt und die Fahrbahn gemäss den geltenden Normen und Vorschriften Instand gestellt. Die durch den Unfall beschädigte Fahrbahn und die Böschungsmauer wurden durch interne und externe Spezialisten repariert. Diese Arbeiten wurden im Verlaufe der Nacht auf Sonntag abgeschlossen.
Die Gleisbaufirma SERSA zeichnete am Samstag, 24. Juli 2010 um 16.30 Uhr die bestehende Gleisgeometrie mit der Spezialmaschine Palas auf und berechnete die Soll – Lage des zu reparierenden Gleises. Nach Abschluss der 2. Stopfung wurde das sogenannte „Gleisversicherungsprotokoll“ erstellt. Dieses Gleisversicherungsprotokoll wurde zusätzlich vom Infrastruktur-Engineering der Matterhorn Gotthard Bahn geprüft und anhand der Daten die zulässige Geschwindigkeit berechnet. Gemäss den gültigen Normen und Gesetzen ist der Streckenabschnitt mit 35 km/h befahrbar, welches der ursprünglichen Geschwindigkeit entspricht.
Vor Eröffnung wurde die Fahrbahn getestet indem 3 Züge ohne Passagiere die betroffene Strecke befuhren. Auf Empfehlung der Untersuchungsbehörde wurde auf diesem Streckenabschnitt eine Langsam-Fahrstrecke eingerichtet. Die Züge fahren dort mit 10 km/h.
Die Matterhorn Gotthard Bahn nahm am Sonntag, 25. Juli 2010, den Betrieb um 06.00 Uhr wieder fahrplanmässig auf. Die sichere Fahrt für die Passagiere des Glacier Express und der Matterhorn Gotthard Bahn ist gewährleistet.
Menschliches Versagen: Lokführer fuhr zu schnell
Auf dem betreffenden Abschnitt wären 35 Kilometer pro Stunde erlaubt gewesen, zum Unfallzeitpunkt fuhr der Zug mit 56 Kilometer pro Stunde. Der Lokführer arbeitet seit acht Jahren bei der Matterhorn Gotthard Bahn, er steht unter Schock und wird von Fachleuten betreut. Der Untersuchungsrichter prüft nun, ob er strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden muss. Ein Entscheid soll fallen, sobald der Bericht der eidgenössischen Untersuchungsstelle vorliegt.
Aufgebotene Einsatzkräfte: 15 Ärzte – 30 Sanitäter – 30 Samariter – 70 Feuerwehrleute von Fiesch – 11 Ambulanzen – 9 Helikopter (5 Air-Zermatt – 3 Air-Glaciers – 1 REGA) – 40 Agenten der Kantonspolizei. Alle Hilfskräfte, die in der Region mobilisiert werden konnten, seien vor Ort gewesen, hiess es weiter.
Die Hauptstrasse blieb bis um 15:45 Uhr für jeglichen Verkehr gesperrt.
23652 GLACIER EXPRESS Wallis auf einer größeren Karte anzeigen
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Der Glacier Experss bestand aus einer Lok der Reihe HGe 4/4II und aus diese wagen WRp Stalder 2006/2009 und panoramawagen Bauart Breda 1993 und Stalder 2006/2009.
Die Zwei Waggons auf der Seite liegen sind panoramawagen Bauart Breda 1993.
Grüsse edwin