Die öV-Branche testet mehrere neue Preis- und Abonnementsformen

Die COVID-19-Pandemie, aber auch die fortschreitende Digitalisierung oder neue, flexiblere Arbeitsformen stellen die Branche des öffentlichen Verkehrs vor Herausforderungen. Im Rahmen mehrerer Vorhaben testet sie deshalb neue Preis- und Abonnementsformen. Sie sollen sich an veränderten Kundenbedürfnissen orientieren, eine flexiblere Nutzung des öV ermöglichen und digital verfügbar sein. Anlässlich einer Medienkonferenz stellten Transportunternehmen, Tarifverbünde und die Alliance Swisspass Vorhaben zum öV-Guthaben, Preis-Capping und Wahltageabo der Öffentlichkeit vor.

Langsam und schrittweise erholt sich der öffentliche Verkehr vom Einbruch der Fahrgastzahlen aufgrund der COVID-19-Pandemie. Der Umsatz beim Normaltarif und die Passagierzahlen bei der SBB steigen derzeit kontinuierlich. Beide Werte liegen jedoch nach wie vor 10 respektive 25 Prozent unter dem Niveau von 2019. Die Pandemie, aber auch die Digitalisierung, flexiblere Arbeitsformen und neue Verkehrsträger verändern derzeit das Mobilitätsverhalten und die Bedürfnisse der Reisenden. Die öV-Branche antizipiert dies und setzt sich derzeit aktiv mit Weiterentwicklungen in der Sortimentslandschaft auseinander, die diesen Veränderungen Rechnung tragen.

Das «öV-Guthaben» wird national und regional getestet

Anlässlich einer Medienkonferenz stellten Transportunternehmen, Tarifverbünde und die Alliance Swisspass verschiedene Preis- und Abonnementsformen vor, die im Rahmen von Markttests mit den Kundinnen und Kunden getestet werden. Sie basieren auf den Resultaten einer repräsentativen Marktforschung vom vergangenen Herbst. Den Projekten ist gemein, dass sie sich an einem veränderten Mobilitätsbedürfnis der Reisenden orientieren, eine flexiblere, nahe an der tatsächlichen Nutzung liegende Bepreisung vorsehen und mit einer Ausnahme auf der Nutzung des Automatischen Ticketings basieren.

Sowohl national als auch regional getestet wird das «öV-Guthaben». Dieses Preismodell basiert auf der Idee, dass Kundinnen und Kunden ein bestimmtes Guthaben vorgängig rabattiert erwerben und damit anschliessend während einem Jahr persönliche Billette und Tageskarten beziehen können. Maximal 1200 ausgewählte Kundinnen und Kunden werden ab November 2021 dieses Angebot national testen. Dabei stehen zwei Guthabengrössen zur Verfügung: 3000 Franken öV-Guthaben zum Preis von 2000 Franken und 1000 Franken öV-Guthaben zum Preis von 800 Franken. Regional kommt dasselbe Modell im Perimeter des Tarifverbunds Zug zum Einsatz, mit einem Guthaben von 500 Franken zum Preis von 400 Franken.

Mehrere Markttests zum «Preis-Capping»

Mehrere regionale Vorhaben testen desweiteren das «Preis-Capping». Dieses sieht vor, dass die Fahrtkosten der Kundinnen und Kunden bei einem bestimmten Betrag gedeckelt werden. Ist der Preisdeckel erreicht, sind sämtliche weiteren Fahrten kostenlos. Ein Preis-Capping kann auf Tages-, Wochen-, Monats- oder Jahresbasis bestehen und sich auf einen bestimmten Betrag oder eine Anzahl Fahrausweise beziehen. So wird im Urner Talboden der Preis bei 5 Franken (mit Halbtax) respektive 7.50 Franken pro Tag gedeckelt. Im Tarifverbund A-Welle erfolgt das Capping auf Monatsbasis, wobei dort maximal der Preis des Monatsabonnements plus 10 Prozent bezahlt werden muss. In Lausanne sind ab dem Bezug des 21. SMS-Tickets sämtliche SMS-Tickets kostenlos.

Die Tarifverbünde Mobilis (seit 16. August) und Frimobil (ab 12. Dezember) führen mit dem «Flexiabo» probehalber ein Wahltageabo ein. Entgegen herkömmlicher Abonnemente, die an jedem Tag der Laufzeit gültig sind, können bei diesem Jahresabonnement die Verbrauchstage frei ausgewählt werden. Das Flexiabo wird als Abonnement für zwei oder drei Tage pro Woche angeboten und enthält 104 respektive 156 Nutzungstage. Die Kundinnen und Kunden können den Reisetag bis zum selben Tag aktivieren und bis 23.59 Uhr am Vortag ändern oder stornieren.

Kundinnen und Kunden zurück in den öV holen

«Wir befassen uns laufend mit den Anforderungen und Bedürfnissen unserer Kundinnen und Kunden und passen unser Sortiment daran an»

, betonte Helmut Eichhorn, Geschäftsführer der Alliance Swisspass, an der Medienkonferenz.

Gleichzeitig befinde man sich immer im Spannungsfeld zwischen Individualisierung und Reduktion der Komplexität des Angebots.

«Deshalb ist es zielführend, neue Angebote zuerst gemeinsam mit den Reisenden zu testen»

, so Eichhorn.

Schnellschüsse wolle man – gerade während einer nie dagewesenen Krise – auf jeden Fall vermeiden. Aber das Ziel sei klar: Die Kundinnen und Kunden zurück in den öffentlichen Verkehr zu holen und von den vielen Vorteilen des öV wieder zu überzeugen.


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