Die heutigen Gelenktriebwagen (GTW) von Thurbo stehen seit rund 25 Jahren im Einsatz. Stadler modernisiert nun 93 Thurbo-Züge und verkauft sie an die Ungarischen Staatsbahnen MAV. Dort erhalten sie ein zweites Leben. Der Verkaufserlös kommt dem regionalen Personenverkehr in der Schweiz zugute, da sich die Beiträge von Bund und Kantonen an Thurbo reduzieren. Damit wird eine ökologisch und finanziell nachhaltige Lösung mit Mehrwert für alle beteiligten Parteien realisiert. Durch das Projekt entstehen für ungarische Fahrgäste zusätzlich 14’000 Sitzplätze in der bewährten Qualität der bestehenden FLIRT-Flotte im Land. Thurbo ersetzt die GTW zwischen 2026 und 2034 mit 107 neuen Regionalfahrzeugen des Typs Flirt Evo von Stadler.

Die GTW-Flotte von Thurbo umfasst insgesamt 110 Fahrzeuge. Zwischen 2002 und 2008 wurden 82 GTW beschafft, 2012/2013 weitere 15 Fahrzeuge dazugekauft und 2017/2018 zusätzlich 13 Occasions-GTW von der SBB übernommen. Bei der Ausrangierung wird jedes dieser Fahrzeuge rund fünf Millionen Kilometer zurückgelegt haben und mehrfach revidiert worden sein. Unter anderem wurden die Motordrehgestelle ersetzt, die Bodenbeläge erneuert, die Lüftungen und Klimageräte aufgearbeitet und die Fahrzeughülle neu lackiert. Das gestaffelte Revisionsprogramm wurde auf eine 25jährige Einsatzdauer ausgerichtet.
Die Ungarischen Staatsbahnen MAV haben in den kommenden Jahren einen erhöhten Bedarf an Rollmaterial. Neben der Beschaffung von neuen Fahrzeugen haben sie auch grosses Interesse am Occasionskauf von Zügen bekundet. Nach eingehender Prüfung der Umrüstungsanforderungen und Kriterien für die erneute Zulassung in Ungarn hat Stadler die Gelenktriebwagen-Flotte (GTW) von Thurbo als ideale Lösung identifiziert, um den Bedarf in Ungarn zu decken. Stadler unterbreitete Thurbo ein Angebot für den Kauf von 93 Gelenktriebwagen und der MAV eines für die Modernisierung und den Wiederverkauf der Flotte. Nun haben die Parteien die entsprechenden Verträge unterzeichnet. Über den Verkaufspreis haben die beiden Unternehmen Stillschweigen vereinbart.
Schnelle Lösung für mehr Sitzplätze und höheren Komfort
Mit dieser Lösung erhält die MAV hochwertige Stadler-Züge und kann den ungarischen Fahrgästen schneller als durch die Beschaffung neuer Fahrzeuge rund 14’000 zusätzliche Sitzplätze bieten. Stadler übernimmt die Thurbo-Fahrzeuge zwischen 2027 und 2034 in jährlichen Tranchen und passt sie umfassend an die Anforderungen der Ungarischen Staatsbahnen an. Da sie ältere MAV-Fahrzeuge ersetzen, werden die Züge nach den Modernisierungsarbeiten den Reisekomfort deutlich verbessern.

Die Züge werden mit einem neuen Fahrgastinformationssystem, Videoüberwachung, Schiebetritten, einem Bordcomputer für Lokführer sowie einem kombinierten Mirel- und ETCS BL4-Zugsicherungssystem ausgestattet. Das Antriebssystem der Fahrzeuge wird auf die ungarische Fahrleitungsspannung von 25 kV umgerüstet. Zudem erhalten die Fahrzeuge eine neue Folierung in den Farben von MÁV sowie neue Sitzbezüge. Pro Zug dauert die Modernisierung zwölf Wochen. Die Prototypen werden in der Schweiz gebaut. Für die anschliessende Serienproduktion baut Stadler eine Serviceanlage in Ungarn auf.
Eine nachhaltige Lösung für alle Parteien
Der Kauf, die Modernisierung und der Weiterverkauf der GTW-Flotte von Thurbo an die MAV durch Stadler schafft Vorteile für alle Beteiligten. Die Züge erhalten ein zweites Leben und werden ökologisch wie finanziell nachhaltig weiter genutzt. Die Verlängerung der Lebensdauer moderner Triebzüge ist eine technisch und wirtschaftlich attraktive Alternative zur Neubeschaffung. Die GTW-Flotte gehört zu den ersten grossen Serien, die Stadler in den vergangenen 20 Jahren ausgeliefert hat. Das Projekt mit Thurbo und MAV kann als Vorbild für weitere ähnliche Initiativen dienen und den Weg für ein neues Geschäftsmodell bei Stadler ebnen.
Der Verkaufserlös von Thurbo fliesst vollumfänglich in den regionalen Personenverkehr der Schweiz zurück, wodurch die Abgeltungen von Bund und Kantonen sinken und die öffentliche Hand entlastet wird.
| Diese 93 Fahrzeuge übernimmt die MAV: |
|---|
| – 41 GTW-AK – 39 GTW-AKL – 13 GTW-AJU |
Neubeschaffung ist für Thurbo wirtschaftlicher als Renovation
Thurbo hat sich 2021 für die Neubeschaffung von 107 Regionalfahrzeugen vom Typ Flirt Evo von Stadler entschieden. Die GTW genügen den heutigen Anforderungen von mobilitätseingeschränkten Reisenden nur noch bedingt. Ebenso erfüllen sie die steigenden Ansprüche an die Kundeninformation und den Komfort der Reisenden nicht mehr vollumfänglich (dynamische Fahrgastinformation, Bestuhlung, grössere Multifunktionszonen).
Ein Weiterbetrieb der GTW-Flotte in der Schweiz hätte kostspielige Revisionen und Umbauten zur Folge. Ein Teil der Komponenten der Fahrzeugarchitektur und der Leittechnik müsste ersetzt werden. Es ist davon auszugehen, dass die Fahrzeuge erneut ein Zulassungsverfahren durchlaufen sowie eine neue Betriebsbewilligung erlangen müssten. Auch auf Grund der Skaleneffekte durch die gemeinsame Beschaffung der grossen Fahrzeugmenge zusammen mit SBB und RegionAlps ist die Neubeschaffung für Thurbo wirtschaftlicher und kundenorientierter. Die neuen Fahrzeuge werden parallel zur Ausserbetriebnahme der GTW-Flotte schrittweise zwischen 2026 und 2034 auf dem Thurbo Netz eingeführt
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Eine aus ökologischer und ökonomischer Sicht optimale Lösung zu der man allen Beteiligten nur gratulieren kann. Die GTWs können mit einem grossen Mehrwert für die ungarischen Fahrgäste noch weitere 20 bis 25 Jahre unterwegs sein, viel in den Fahrzeugen steckende, wertvolle «graue Energie» und viel Geld wird gespart. Alle gewinnen!
Aus ökonomischer Sicht wäre es zweifellos die optimale Lösung, wenn Thurbo diese Züge behalten würden. Es ist nicht einsichtig, warum Thurbo sich davon trennen will. Für uns nur das Neuste, für die Ungarn den alten Schrott? Das kanns doch nicht sein. Die Thurbo verschwendet Steuergelder im massiven Ausmass. Wenn man die Züge renovieren kann, dann können sie genauso gut noch im Thurgau herumfahren. Die Begründung («zu kleine Multifunktionsabteile» usw) überzeugt nicht und wirkt konstruiert.
Ich habe mir dasselbe gedacht. Es ist mir nicht nachvollziehbar, weshalb eine “grosse Revision” für MÁV offensichtlich wirtschaftlich ist und für Thurbo nicht. Es profitiert vor allem der Fahrzeuglieferant und die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler haben das Nachsehen.
Die GTW erfüllen bei einigen Aspekten nicht mehr die Ansprüche an Rollmaterial bei Thurbo.
-aktuelle Crashnormen werden nicht erfüllt
-Leistung/Tonne tief: 2 Teiler 17.5kW/t, 3 Teiler 13.4kW/t
-mit Rollstuhl nicht auf ganzer Länge befahrbar
-keine Toilette für Personen im Rollstuhl
-wenig platz für Fahrräder/generell Freizeitverkehr
-fast schon splitterflotte wenn man mit der Flirt Flotte der SBB vergleicht, extra Ersatzteilhaltung dafür
Bis auf den Platz für die Fahrräder alles dinge die man nicht so einfach mit einer Revision nachbessern kann.
Die Flirt Evo lösen alle obig genannten „Probleme“. Speziell die erhöhte Leistung/Tonne (3 Teiler: 31kW/t, 4 Teiler 24.8kW/t peak, dauerleistung tiefer) ermöglicht sicherlich am einen oder anderen Ort eine Taktverdichtung
Das Problem der ungenügenden Leistung/Tonne und der nur zwei angetriebenen Achsen zeigte sich besonders deutlich beim Einsatz der GTWs auf der Südrampe der Weissensteinlinie zwischen Solothurn und Oberdorf SO, weshalb sie dort durch Colibris ersetzt wurden. Nach der Wiedereröffnung der Weissensteinlinie diesen Sommer werden vermutlich FLIRTs eingesetzt. Im grösstenteils flachen Ungarn sind die Anforderungen an die Leistung/Tonne deutlich geringer.
Das Konzept der GTW-Leichttriebwagen mit Antriebstteil und beidseitig aufgesattelten Steuerwagen wurde übrigens bereits in den 1950ern vom Bushersteller Neoplan zusammen mit DeDietrich entwickelt aber nicht umgesetzt. StadlerRail hat es dann aufgegriffen oder ein zweites Mal erfunden.
Korrektur/Ergänzug nach Wikipedia: «In den 1990er Jahren wurde zusammen mit De Dietrich Ferroviaire ein Konzept für ein Schienenfahrzeug namens Eurailbus vorgestellt, eine Art Gelenk-Schienenbus ähnlich dem GTW 2/6. Darüber hinaus wurde unter dem Titel Eurailtram ein Straßenbahn-Wagentyp basierend auf dem Wagenkasten des Neoplan MIC konzipiert. Mangels Kundeninteresse wurden diese Projekte jedoch nie realisiert.» Da ist sogar das Bild eines Modells abgebildet.