Zum letzten Mal in Betrieb: Goodbye, SBB EW I [aktualisiert]

Dieser Artikel wurde ursprünglich am 1. April 2021 veröffentlicht.

Anfang April 2021 befördern sie zu Stosszeiten nochmals Kundinnen und Kunden von Basel SBB nach Zürich HB. Danach ist für die rund 60 Jahre alten Einheitswagen I (EW I) der SBB für immer Schluss. Höchstwahrscheinlich.

Ausziehbare Abteiltische, gepolsterte Sitzbänke in der 2. Klasse, verglaste Trennwände zwischen Raucher- und Nichtraucherabteilen, verstellbare «Fauteuils» in der 1. Klasse und ein geräumig wirkender Fahrgastsaal: So lesen sich ein paar der Eigenschaften des Einheitswagen I (abgekürzt und im Eisenbahnjargon EW I genannt), der während drei Jahrzehnten das Rückgrat des SBB-Fuhrparks war. Eingesetzt wurden die im damals typischen SBB dunkelgrün gehaltenen Wagen im Fern- und Regionalverkehr nach dem Motto: Gleicher Komfort für alle, auf kurzen und langen Strecken.

«Mit der Pensionierung der letzten EW I geht ein grosses Stück Schweizer Bahngeschichte zu Ende.»

René Zehnder, Flottenmanager EW I/II

Die zuletzt noch vereinzelt eingesetzten Kompositionen werden endgültig durch moderneres, klimatisiertes Rollmaterial ersetzt.

Von der Gefängniszelle auf Rädern zum Salonwagen für den Staatsempfang

Entstanden sind die EW I aus einem Ideenwettbewerb unter Schweizer Rollmaterialherstellern. Hergestellt wurden sie dann zwischen 1956 und 1967 von einem Konsortium der Industriegesellschaft Neuhausen (SIG) und der Schweizerischen Wagons- und Aufzügefabrik AG Schlieren (SWS). 1208 Wagen wurden insgesamt gebaut, 1028 Stück davon für die 2. Klasse. In vielerlei Hinsicht war der EW I damals zukunftweisend: Die Einstiege etwa waren über dem Drehgestell und nicht mehr in der Mitte angeordnet, die WCs an den Wagen-Enden. Auch in puncto Material und Technik änderte mancherlei: So wurden im Laufe der Zeit die ursprünglichen Faltenbalgübergänge durch Gummiwulstübergänge ersetzt und anstelle von Glühbirnen kamen Leuchtstoffröhren zum Einsatz. Neben den Personenwagen beschaffte die SBB auch zahlreiche EW I als Steuer- und Speisewagen sowie Gepäck- und Postwagen. Die Gepäckwagen verfügten über eine eingebaute Gefängniszelle, die bis Anfang der 2000er Jahre für den Transport von Gefangenen genutzt wurde. Daneben gab es den EW I aber auch als Salonwagen für Staatsbesuche und politische Feierlichkeiten.

Ab Mitte der 70er-Jahre verkleinerte sich mit der Einführung der EW III das Einsatzrayon der EW I (und EW II) zum ersten Mal. Ab Mitte der 80er-Jahre wurden über 600 Wagen (EW I und EW II) für den Regionalverkehr umgebaut und verkehrten in Kompositionen mit den neuen NPZ Trieb- und Steuerwagen (Neuer Pendelzug, heute Domino). Die Einheitswagen IV (EW IV) verdrängten die EW I dann sukzessive aus dem Schnellzug-Einsatz, endgültig Schluss war 2006. In den letzten Jahren kamen die EW I noch zu Stosszeiten im Regionalverkehr und als Dispozüge bei Ausfall oder Verspätung anderer Züge zum Einsatz.

Militärzug Bure – Basel SBB mit den SBB Re 4/4″ 11300 und 11152 am 1. April 2021 in St. Ursanne.

Impressionen aus den letzten, offiziellen, Einsatztagen:

Was von den EW I bleibt
Letzter intensiver Einsatztag der EW I ist der 1. April 2021 (kein Scherz). Eine Komposition bleibt bis Ende Juni als «eiserne Reserve» erhalten und als Messzüge bei SBB Infrastruktur werden drei Steuerwagen auch weiterhin eingesetzt. Die beiden EW I-Gefängniswagen (auch als «Jail-Train» bekannt) bleiben ebenfalls erhalten. SBB Historic hat einige Wagen in die Sammlung aufgenommen; weitere sind im Inventar der Stiftung BLS und bei privaten Vereinen. Jeder Wagenkasten wird dafür fachgerecht unter Einhaltung der Umwelt- und Sicherheitsstandards saniert. «Ganz verschwinden werden die EW I dank SBB Historic nicht. Auf unseren Erlebnisreisen und bei Charterfahrten wird dieses bedeutende Kapitel der Schweizer Eisenbahngeschichte auch künftig erfahrbar sein», Stefan Andermatt, Geschäftsleiter SBB Historic. Alle verbleibenden Wagen werden verschrottet.

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Kommentare

4 Kommentare

  1. Als Ersatzzüge für EC- bzw. IC-Züge konnten die EW I mit dem Komfort der natürlichen Belüftung auftrumpfen.
    Rein in den Wagen und Fenster öffnen.
    Wir hatten jeweils das Privileg den Fahrtwind um die Nase ziehen zu lassen.

  2. Zu schade, dass ich wegen der Pandemie derzeit nicht in der Schweiz sein konnte/kann und somit die letzten Einsätze verpasst habe. Ich habe diese „alten Kisten“ immer gemocht und wenn ein solcher Wagen zur Auswahl stand, war klar, wo ich einsteige. Ob im Zürcher Nahverkehr oder als ICE-Ersatz nach Basel – ich war immer überrascht, wie angenehm man in den EW I/II bis zum Schluss befördert wurde – so ganz im Gegensatz zu unseren deutschen Silberlingen.

    Schön, dass einige erhalten bleiben werden.
    Gruss
    Jörn.

  3. Die angenehmsten Wagen für eine Fahrt mit Frischluft und Fahrtwind, ganz ohne Nebengeräusche der nervigen Klimaanlagen, das pure schöne Fahrgeräusch, das beim Halten zur totalen Ruhe geht, bevor es bei der nächsten Fahrt sanft wieder erwacht.
    Wird wenigstens eine ganze Komposition bei SBB Historic erhalten? Von der allergrössten Wagenserie der Schweizer Bahngeschichte wäre das doch kein Luxus… oder zumindest wenn das Geld für Sanierung jetzt nicht ausreicht sie noch vor der Verschrottung bewahren, bevor es kein Zurück mehr gibt?
    Noch eine Idee: Die SOB bewahrt ja den Gotthard zum Glück als touristisch attraktive Strecke mit regulärem Betrieb erhalten. Wie viel attraktiver wäre es doch, zumindest eine Komposition EWI mit öffenbaren Fenstern und wirklich gotthardigem Eisenbahnflair fahren zu lassen, als nur die hochmodernen klimatisierten Traversozüge… -> könnte man nicht die SOB oder SBB Historic überzeugen, diese letzte EWI-Komposition zu erhalten? Es gibt so viele reiche Leute auf der Welt… man müsste eine Person begeistern für das Projekt und so hätte man auch die Finanzierung, falls es daran scheitert… jedenfalls probieren, bevor es zu spät ist?

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