Geschäftsbericht 2020: SBB Historic mit einem bewegten Jahr [aktualisiert]

Dieser Artikel wurde ursprünglich am 22. April 2021 veröffentlicht.

Das vergangene Jahr brachte viele Einschränkungen, sowohl privat als auch beruflich. Dennoch hat die Stiftung Historisches Erbe der SBB – kurz SBB Historic – viel bewegt und viel erreicht. So wurde beispielsweise das Angebot «Erlebniszug San Gottardo» in doppelter Hinsicht erweitert. Die Fahrten führten erstmals bis nach Bodio und zurück. Zudem wurde die Anzahl der Fahrten während der Sommermonate erhöht und so aktiv einen Beitrag zu einem erlebnisreichen Sommer in der Schweiz geleistet. Einen Schwerpunkt legte SBB Historic im vergangenen Jahr auf das Thema «Hauptwerkstätten der SBB». Mit neu zugänglichen Fotografien, einem Online-Dossier sowie einem Themenschwerpunkt auf Instagram und Blog-Beiträgen konnte man sich in die Geschichte der Hauptwerkstätten vertiefen. Geprägt wurde das letzte Jahr aber leider auch durch Absagen von Veranstaltungen und Fahrten aufgrund der Corona-Pandemie. Trotz grossem Kostenbewusstsein in allen Bereichen und Zuwendungen von Gönnern und Dritten, konnte 2020 kein positives Finanzergebnis erreicht werden. Zu schwer wogen die Umsatzeinbussen insbesondere im Bereich Charter- und Führerstandsfahrten.

Einen Schwerpunkt legte SBB Historic 2020 auf das Thema «Die Hauptwerkstätten der SBB». Mit neu zugänglichen Fotografien, einem Themendossier mit spannenden Archiv- und Sammlungsmaterial, einem Themenschwerpunkt auf Instagram, einer fünfteiligen Blog-Serie sowie einer Führung durch das Fotoarchiv konnten sich Interessierte in die Geschichte der Werkstätten vertiefen.

Im Zuge dieses Schwerpunktthemas wurden umfangreiche Archiv- und Fotobestände der Hauptwerkstätten erschlossen. Allein die Fotosammlungen der Hauptwerkstätten Olten, Zürich-Altstetten, Bellinzona und Chur umfassen rund 40’000 Einzelbilder. Diese wurden in Dossiers erschlossen und zu grossen Teilen auf Wikimedia Commons zur freien Verfügung veröffentlicht. Die Fotos ergänzen die bereits erschlossenen Archivbestände, die die Geschichte der Werkstätten in allen Facetten dokumentieren. So geht der Bestand der HW Biel bis auf die Gründung 1875 zurück. Neben Unterlagen zu Bau und Entwicklung finden sich darin zahlreiche Kesselprotokolle und Lokomotivbücher von Dampflokomotiven. Enthalten sind auch frühe Personalunterlagen, Arbeiterverzeichnisse und Protokolle der Arbeiterkommission von 1896-1946. Aus der Officina Bellinzona stammen drei grossformatigen Pläne aus der Zeit der Gründung durch die Gotthardbahn ca. 1890, die fachgerecht restauriert und digitalisiert werden konnten. Die Pläne sind für die Geschichte der HW Bellinzona – vor allem vor dem Hintergrund der geplanten Verlegung des Werkes – von grosser Bedeutung. Die HW Bellinzona ist auch Ursprung einer umfangreichen Sammlung historischer technischer Zeichnungen von Personen- und Güterwagen, die nun online recherchierbar ist.

Erfolgreiche Saison für den «Erlebniszug San Gottardo»

Unter dem Titel «Erlebniszug San Gottardo» bot SBB Historic 2019 erstmals regelmässige Nostalgiefahrten auf der Gotthard Panorama Strecke an. Zwischen April und Oktober hatten Eisenbahnfans einmal im Monat die Möglichkeit, im historischen Reisezug von Erstfeld nach Göschenen und zurückzufahren. Der Erfolg dieses Pilotversuchs ermutigte SBB Historic, das Angebot mit Unterstützung des Gotthard Komitees 2020 auszubauen.

Die Fahrten sollten wieder monatlich zwischen April und Oktober stattfinden. Das Angebot wurde auf zwei Ebenen ausgebaut. Einerseits führten die Fahrten neu von Erstfeld via Göschenen und dann durch den Gotthardscheiteltunnel bis nach Bodio und zurück. Andererseits wurde der Fahrplan dieser Erlebnisfahrten so gelegt, dass sich für die Reisenden an mehreren Bahnhöfen auf der Strecke direkte Anschlussverbindungen ergaben. Beispielsweise bestand in Göschenen ein Anschluss mit der Matterhorn Gotthard Bahn nach Andermatt oder in Faido mit dem Regioexpress Richtung Bellinzona und Lugano. Entsprechend waren auch die Billette für verschiedene Streckenabschnitte erhältlich, welche im Vorverkauf oder direkt vor Ort im Zug gekauft werden konnten. Reisegruppen hatten zudem die Möglichkeit, einen gesamten Personenwagen exklusiv für sich zu buchen. Gezogen wurden die Zugskompositionen jeweils von der Ae 6/6 11411 «Zug» oder von der über 100-jährigen Ce 6/8 II 14253 «Krokodil».

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Der Erlebniszug San Gottardo in der Wattinger Kurve bei Wassen. / Quelle: Georg Trüb

Damit war der «Erlebniszug San Gottardo» nicht nur für Bahnenthusiasten und -nostalgiker ein spezielles Erlebnis, sondern bot auch Tagesausflüglern, Wanderern oder Familien die ideale Möglichkeit, die Gotthardregion auf ungewöhnliche und nicht alltägliche Weise zu befahren und zu erkunden. Die grosszügige Unterstützung des Gotthard Komitees ermöglichte dabei attraktive Billettpreise.

Ursprünglich waren mit dem «Erlebniszug San Gottardo» von April bis Oktober sieben Fahrten vorgesehen, welche jeweils am zweiten Samstag des Monats stattfinden sollten. Aufgrund der Corona-Pandemie mussten die Fahrten im April und Mai allerdings abgesagt werden.

Nachdem der Erlebniszug am 13. Juni erfolgreich seine Jungfernfahrt auf der verlängerten Strecke bis nach Bodio absolviert hatte, entschied SBB Historic, die Frequenz der Fahrten während der Sommermonate zu erhöhen und von Juli bis September den «Erlebniszug San Gottardo» an zwei Samstagen pro Monat auf die Strecke zu schicken. Mit diesem Schritt leistete SBB Historic einen Beitrag dazu, den Sommer 2020 trotz der aussergewöhnlichen Umstände erlebnis- und abwechslungsreich gestalten zu können. Bis zum Saison-Ende konnten dadurch trotz der Ausfälle im April und Mai insgesamt sogar acht Fahrten durchgeführt werden.

Mit durchschnittlich rund 75 Passagieren pro Fahrt fiel die Auslastung der Erlebnisfahrten höher aus als erwartet. Insgesamt buchten von Juni bis Oktober 612 Gäste ein Billett für eine der acht Erlebnisfahrten. Besonders erfreulich war die Entwicklung der Passagierzahlen im Verlauf der Saison: Während auf der ersten Fahrt im Juni rund 40 Gäste auf dem Zug waren, durfte die Stiftung auf der letzten Fahrt im Oktober über 120 Passagier an Bord begrüssen. Das zeigt, dass der «Erlebniszug San Gottardo» auf eine rege und stetig wachsende Nachfrage stösst. Deshalb wird der «Erlebniszug San Gottardo» auch 2021 wieder auf die Schienen geschickt. Von April bis Oktober immer am zweiten Samstag im Monat, von Juni bis August zusätzlich am vierten Sonntag.

Das Geschäftsjahr im Zeichen der Corona-Pandemie

Das Jahr 2020 wird zweifelsfrei in die Geschichtsbücher eingehen, auch in jene von SBB Historic. Die Corona-Pandemie beeinflusste das Geschäftsjahr auf sämtlichen Ebenen der Stiftung. Zwar konnten Erschliessungsarbeiten in den Archiven und Sammlungen sowie in der Bibliothek während des gesamten Jahres praktisch wie gewohnt durchgeführt werden. Dienstleistungen ohne persönliche Kontakte wie Archiv-Anfragen per Telefon oder E-Mail konnten uneingeschränkt beantwortet werden und stiegen gar im Vergleich zu den Vorjahren. Der Lesesaal am Hauptsitz in Windisch blieb allerdings während mehreren Wochen geschlossen und konnte in der übrigen Zeit, gemäss des umgesetzten Schutzkonzeptes nur mit einer Besucherbeschränkung geöffnet werden.

Dramatischer waren die Auswirkungen der Pandemie und der damit einhergehenden Schutzmassnahmen hingegen im Vermittlungsbereich, also bei den Fahrten mit historischem Rollmaterial, bei Führungen und Veranstaltungen. Auch wenn gewisse Veranstaltungen wie zum Beispiel Filmabende oder ein Workshop mit Studierenden online durchgeführt werden konnten, mussten von insgesamt 75 für das Jahr 2020 geplanten Aktivitäten 34 abgesagt werden, was nahezu der Hälfte des gesamten Veranstaltungskalenders entspricht. Hinzu kommen zahlreiche nicht gebuchte private Führungen an den Standorten Windisch, Erstfeld, Olten und Delémont sowie private Charterfahrten. Gerade der starke Rückgang des Chartergeschäftes und des Verkaufs von Führerstandsfahrten hat sich merklich auf das Finanzergebnis 2020 ausgewirkt. Dank eines verantwortungsvollen Kostenbewusstseins während des gesamten Jahres auf allen Stufen konnten diese Umsatzeinbussen jedoch teilweise abgefedert werden. Das verhinderte einen negativen Jahresabschluss zwar nicht, trotzdem kann dem Stiftungsauftrag dank einer langfristigen und umsichtigen Finanzplanung in den letzten Jahren weiterhin nachgekommen werden.

Ausblick: 20 Jahre SBB Historic

Vor 20 Jahren, am 6. April 2001, wurde die Stiftung «Historisches Erbe der SBB» gegründet. Seit damals widmet sich die Stiftung dem Sammeln, Konservieren, Dokumentieren und Archivieren von Zeitzeugen der Schweizer Bahngeschichte. Das Ziel der Stiftung ist es, diese wertvollen Zeitzeugen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dies geschieht durch verschiedene Vermittlungstätigkeiten wie der Organisation und Durchführung öffentlicher Erlebnisfahrten mit historischem Rollmaterial, durch Führungen und Veranstaltungen, sowie durch ein breites Online-Angebot.

Anlässlich des Jubiläumsjahres 2021 werden diese Aktivitäten und Angebote erstmals in einem Veranstaltungskalender zusammengefasst – dem «Kursbuch 21» von SBB Historic. Angelehnt an die früheren «Offiziellen Kursbücher» des öffentlichen Verkehrs bildet es gewissermassen den Fahrplan von SBB Historic für das laufende Jahr ab. Angefangen bei speziellen Jubiläumsaktivitäten wie dem TEE-Festzug oder einer Ausstellung in der Rotonde Delémont, über aussergewöhnliche Erlebnisfahrten, Führungen und Veranstaltungen präsentiert die Stiftung in Zusammenarbeit mit ihren acht Vereinen ein spannendes und vielseitiges Programm.

Zweite Karriere für den Einheitswagen I
Die Einheitswagen I (EW I) prägten das Bild der SBB seit den 1960er-Jahre. Ende April nahm die SBB nun die letzten EW I ausser Betrieb. Das heisst aber nicht, dass man nie mehr in einem EW I wird fahren können. Im Gegenteil: SBB Historic hat den EW I A, Nr. 50 85 18 33 229-3 in ihre Sammlung aufgenommen, um ihn auf historischen Zugfahrten einzusetzen. So wird dieses bedeutende Kapitel der Schweizer Eisenbahngeschichte auch künftig erfahrbar sein. Nach umfangreichen Instandsetzungs- und Reinigungsarbeiten fehlen noch einige letzte Handgriffe bis der Wagen wieder betriebsbereit ist. Seine zweite Karriere startet er voraussichtlich am 10. Juli 2021 auf der Fahrt mit dem «Erlebniszug San Gottardo».

Zweite Karriere für den Einheitswagen I
SBB Historic-Geschäftsstelle erhält einen Blickfang
Am Hauptsitz in Windisch betreut SBB Historic die Archivbestände, die Objektsammlungen und die Bibliothek, jedoch kein Rollmaterial. Bis jetzt, denn seit Anfang April schmückt die Akku-Werkstatt-Lokomotive Ta Nr. 972 mit Baujahr 1914 den Eingangsbereich des Hauptsitzes. Ihren magnetischen Puffern, die sich an anderen Puffern regelrecht festsaugen, verdanken die Loks ihren Spitznamen «Tintenfisch». Ursprünglich wurden diese Akku-Traktoren für Rangierarbeiten in Depotarealen eingesetzt. Der Tintenfisch mit der Nr. 972 war bis zu seinem Umzug nach Windisch im Depot von SBB Historic in Olten untergebracht. Ab sofort begrüsst er die Besucherinnen und Besucher in Windisch und bringt ihnen auch hier ein Stück historische Eisenbahn näher.

SBB Historic-Geschäftsstelle erhält einen Blickfang

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Text-QuelleSBB Historic
Redaktionhttps://www.bahnonline.ch
Aus der Bahnonline.ch-Redaktion. Zugesandte Artikel und Medienmitteilungen, welche von der Redaktion geprüft und/oder redigiert wurden.

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